Sonntag, 28. Dezember 2014

Geschenkte Stille

Produkt-InformationElina Duni Quartet

"Matane Malit"


ECM Records, 2012

Nun liegt Weihnachten schon hinter uns. Haben Sie das Fest genossen?
Für mich sind vor allem die stillen Tage zwischen den Jahren eine ganz besondere Zeit: nach dem ganzen Vorbereitungs- und Fest-Trubel wie ein Geschenk...

Wie halten Sie es denn mit musikalischen Geschenken? Ich finde es toll, überrascht zu werden: Wie schön ist es, heraushören zu können, wie gut man von einem Schenkenden gekannt wird. Wenn ein Geschenk zum Spiegel für die liebevolle Vertrautheit untereinander wird.
Mir fällt da die CD ein, die ich am Heiligen Abend vor zwei Jahren auspacken durfte: Schon bei den ersten Tönen habe ich gemerkt: diese Musik in für mich. Obwohl ich keinen der Musiker, geschweigendenn die gesungene Sprache (Albanisch) kannte, war ich sogleich in ihr zuhause.

Die CD beginnt ganz aus der Ruhe heraus: eine einsame Frauenstimme singt eine Volksweise, melancholisch und (mit ihren arabesken Verzierungen) doch auf unaufdringliche Weise lebendig. Dann setzt das Schlagzeug ein, sanft pulsierend, ein leises Gemurmel zu den schwebenden Klängen des Kontrabasses. Schließlich beginnt das Klavier das Stück anzuschieben: mit aufsteigenden Akkorden, die Fahrt aufnehmen und die Stimme in ein silbrig-flötenhaftes Improvisieren versetzen. In diesem Zusammenspiel beginnt das Lied zu kreisen und zu kreisen...

So erlebe ich die gesamte CD: als einen Kreislauf durch die Melancholie albanischer Volkslieder. Wer das Label ECM kennt, wird sich sogleich vorstellen können, daß diese Musik mit Folk wenig und mit Folkrock gar nichts zu tun hat, sondern ganz mit den Ohren des Jazz zu hören ist.
Das Schlagzeug zischelt, rasselt, rollt und pocht, und auch das Klavier bleibt in der Schwebe: niemals läßt sich der Pianist Colin Vallon dazu verführen, die schlichten Melodien durch exzentrische Jazzharmonik anzureichern oder zu romantisieren. Wie das Schlagzeug beginnt auch er häufig nur mit wenigen Tönen, pocht und tickt, legt eine Basis, mehr nicht. Bisweilen nutzt er auch die Möglichkeit, das Klavier zu präparieren, d.h. mechanisch in geräuschhaftere Klänge umzuwandeln. Selbst in größeren Piano-Soli verläßt er nicht den kreisenden Grundcharakter: er spielt mit Klangtrauben und -schichtungen, jongliert, baut auf und zersetzt, und bleibt doch immer in einem archaischen, modalen Klangraum, der nicht fortschreitend, sondern schwebend anmutet.

Darüber kann sich die wunderschöne, klare wie warme Stimme von Sängerin Elina Duni stets frei entfalten, wird nie in ein harmonisches oder formales Korsett gesperrt, bleibt stets der zeitlosen Reinheit der Volks-Melodik hingegeben. Die Themen: viel unerfüllte Liebe, Abschieds- und Abwesenheits-schmerz, Tod. Genug Stoff also für das weinenden Auge beim Abschied vom alten Jahr...
Umso mehr begrüße auch ich die „Versöhnung“ zum Schluß, "Mine Peza", das letzte Lied: eine zarte Volksweise, liebevoll und schlicht und ausnahmsweise auch mal recht klassisch, harmonisch begleitet. Eine schöne Art von geschenkter Stille zwischen den Jahren.


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Sonntag, 21. Dezember 2014

Zum Abschied

Udo Jürgens

"Mitten im Leben - Das Tribute Album"


Produkt-InformationDoppel-CD, Sony Ariola, 2014





Eigentlich wollte ich über etwas ganz Anderes schreiben, und hätte auch nur noch ein paar Zeilen hinzufügen müssen. Da informierte mich web.de nach einem Wochenende im nachrichtenfreien Raum vom Tod von Udo Jürgens. Meine Formulierungen stoppten mitten im Satz. So verschieben sich die Prioritäten.

Nicht dass ich ausgewiesener Udo-Fan wäre, dafür war mir sein musikalischer Ansatz doch zu schlager-mäßig. Aber er hat mein Leben im Hintergrund stets begleitet. Er war schon immer da, beständiger als alle die kamen und gingen, und ist es nun nicht mehr. Man hätte ihn nicht wegdenken können aus der deutschen Musikszene, nun ist er von selbst gegangen. Wer hätte das gedacht, der vor wenigen Wochen im ZDF die Show zu seinem 80sten Geburtstag angeschaut hat: da war er rüstig, charismatisch, alterslos wie eh und je, vor allem dann, wenn er am Klavier saß. So sehe ich ihn seit Kinderzeiten vor mir: ein Sänger, der wirklich Klavier spielen und komponieren konnte, ein kreativer Kopf mit klassischem Know-how, eine Institution in der Welt des deutschsprachigen Liedes. Als solche hat ihn jene Geburtstagsshow gefeiert, als solche feiert ihn auch die Doppel-CD zur Sendung.

Das gemischte Doppel ist Konzept dieses Albums: die eine Scheibe enthält eine bunte Mischung aus Originalaufnahmen, entnommen aus der ganzen Breite seiner Karriere: Klassiker wie „Ich war noch niemals in New York“, „Griechischer Wein“ oder „Mit 66 Jahren“, aber auch unbekanntere Fundstücke wie „Wer hat meine Zeit gefunden“ oder „Verloren in mir“. Ausgewählt wurden diese Lieder von einer illustren Reihe von Musikern, die auf der zweiten Scheibe dieses Doppels ihre eigene Version präsentieren, zu Ehren des Komponisten und zur Freude von Fans und solchen, die es werden wollen. Denn da sind einige Kleinode entstanden, die sich auch ohne Geburtstags-Nostalgie hören lassen: sehr berührend die zurückgenommene Interpretation von „Und immer wieder geht die Sonne auf“ durch Yvonne Catterfeld, da scheint die Zeit still zu stehen. Auch die Jamie Collum-Version des für Sammy Davis Junior geschriebenen Titels „If I never sang another song“ knistert vor Intensität. Und letztlich müssen wohl auch „Atemlos“-
geschädigte Helene-Fischer-Wegschalter zugeben, dass die Art und Weise, wie sie den Eurovisions-Erfolg „Merci Cherie“ zum Aufblühen brachte, den alten Herrn zu Recht zu Tränen rührte: das war auch live größte Gesangskunst.

Enttäuscht haben mich die Klassiker Lang Lang und David Garrett, die sich viel mehr als ihre Kollegen aus dem Unterhaltungsbereich durch bloße Virtuosität in Szene zu setzen versuchten; mir persönlich haben die eher auf Stimmung und Humor setzenden Lieder in den Händen von Formationen wie LaBrassBanda, Satiano oder Chris de Burgh Band deutlich mehr Vergnügen bereitet. Nicht zu vergessen die textaffinen SängerInnen aus der Enkelgeneration, Christina Stürmer, Tim Bendzko und Annett Louisan, die sich auf eigene bis eigenwillige Weise vor ihrem Vorreiter verneigten.

"Mitten wir im Leben sind wir vom Tod umfangen" heißt es in einem alten Kirchenlied. Udo sang zum Schluß des Konzertes in der wunderschönen, jüngst geschriebenen, ganz persönlichen Ballade "Zehn nach Elf" die Zeilen "Der letzte Ton gesungen, der letzte Akkord verklungen". Das hallt noch nach.

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Sonntag, 14. Dezember 2014

Irischer Winter

Produkt-Information Quadriga Consort

"On a cold Winter's Day"


deutsche harmonia mundi, 2012

So, das war schon der dritte Advent... Hatten Sie einen schönes Wochenende? Und wie ist es um ihre vorweihnachtliche Stimmung bestellt? Romantisch-besinnlich, oder doch eher gestresst?
Spielt Musik eine Rolle dabei, wenn Sie sich auf die Festtage einstimmen?

In Bezug auf Weihnachtsmusik bin ich immer wieder ambivalent: einerseits liebe ich die alten Lieder und Melodien, die Traditionsgebundenheit, die Volkstümlichkeit. Andererseits ist es mir wichtig, daß dieses Alte nicht nur immer-gleich reproduziert wird, sondern sich neu und lebendig überträgt. An Varianten der Aufbereitung gibt es keinen Mangel: Mittlerweile gehört es ja zum Standard jedes halbwegs erfolgreichen Popmusikers, auch ein Weihnachtsalbum mit modernisierten Versionen der beliebtesten Lieder im Angebot zu haben. Wirklich glücklich geworden bin ich noch mit keinem.

Nun jedoch habe ich eine CD gefunden, die mein Bedürfnis nach belebter Tradition auf nahezu ideale Weise erfüllt. Die Musiker des Quadriga Consort sind von Haus aus „Klassiker“ und spielen auf alten Instrumenten,- widmen sich hier aber der Volksmusik, genauer: den weihnachtlichen und winterlichen Traditionals aus dem keltischen Sprachraum. Und das tun sie auf wunderbar lebendige und gefühlvolle Weise.

Die CD beginnt mit schlichten Cembalo-Klängen, die einem Renaissance-Tanz entsprungen sein könnten. Wenn dann die Sängerin Elisabeth Kaplan ihre glasklare Stimme erhebt und den eingängigen „Wassail“-Song anstimmt, fühlt man sich erst recht ins alte England versetzt. Von Strophe zu Strophe gesellen sich weitere Wallfahrer hinzu und zeigen die gesamte Bandbreite des Ensembles: Blockflöten, gleichermaßen klassisch virtuos wie traditionell verspielt, Gamben und Barock-Celli, mal tänzerisch gezupft, mal in schwelgender Mehrstimmigkeit, dazu ein farbiges Spektrum aus Percussionsklängen: leuchtende Klangpunkte aus Glockenspielen und Triangeln, Tambourins, Castagnetten und vieles mehr. Hören sie doch mal den ausgelassenen Trommel-“Beat“ von Nummer 10, „Pat-a-pan“: ein Tanz ums Weihnachtsfeuer.

Dabei hat jedes Lied hat sein eigenes Gesicht: wirklich eindrucksvoll, wie vielseitig der Arrangeur, Cembalist und Leiter Nikolaus Newerkla die ihm zur Verfügung stehenden Klangfarben genutzt hat. Neben archaischen Ostinati und kunstvoller Polyphonie gibt es auch die ein oder andere Stelle, die dezent an Filmmusik erinnert: satte Klänge voller warmer Melancholie, die den Zuhörer sofort in weite, menschenleere, schneeglitzernde Landschaften versetzen. Ein paar Minuten Auszeit von Hasten durch überfüllte Kaufhäuser? Willkommen im Irischen Winter!

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Sonntag, 7. Dezember 2014

Neue Ufer

Produkt-InformationKonstantin Wecker: "Uferlos"  

1993, BMG Ariola 




Na sowas, so schnell geht das. Nun bin ich also en-blogue. Schön, daß Sie auch da sind,- und dieses Gefühl von "Neuland" mit mir teilen.

Die Suche nach etwas Neuem kenne ich als notorischer CD-Sammler ziemlich gut. Mit "neu" meine ich keineswegs Zustand eines Produkts (ich kaufe fast ausschließlich SecondHand). Und ob etwas gerade ganz frisch auf dem Markt ist, ist mir auch ziemlich egal. Neu, das ist letztlich eine individuelle Sache, eine Beziehungsfrage. Kann mir so eine silberne Scheibe einen neuen Aspekt erschließen, einen, der vorher nicht da war, bzw. einen, den ich vorher nicht gesehen habe? Und auch Wohlbekanntes kann plötzlich ganz neu sein.

Meine neueste Begeisterung ist ganz alt. Sie richtet sich auf ein musikalisches Idol meiner Jugend: Konstantin Wecker: den sinnliche Dichter, das Klavier-Tier, den Aus-dem-Vollen-Schöpfer. Viele Jahre hatte ich ihn aus den Augen verloren, seine neuesten Platten verstaubten quasi ungehört im Regal, die Erinnerungen an erhebende Momente waren verblasst. Gestern abend konnte ich jedoch live hören, sehen und erleben, daß trotz seines gehobenen Alters all das Alte noch da war. Und noch mehr: ganz viel Feinheit, Milde, Hinhören. Das war mir neu.
Und ganz verjüngt ist nun auch die Wiederhörensfreude mit meinem Lieblingsalbum, das auch er in seinem "40 Jahre Wahnsinn"-Rückblicksprogramm mit besonderer Häufigkeit zitiert hat:

das "Kleine Herbstlied" nach Rachmaninov als Innehalter,
das ins Fließen bringende "Liebeslied im Alten Stil",
"Und dann", sein treffsicheres Psychogramm der in Zweisamkeit vereinsamten Ehefrau,
seine gleichermaßen feurige wie versöhnliche deutsch-italienische Hymne auf die Freundschaft im globalen Sinne: "Questa nuova realtá".
Ein wahrer Klassiker schließlich: "Sage Nein!", das große Ausrufezeichen, das Motto hinter all seinen politischen Liedern,- ein Aufruf, der jeden meint und auch musikalisch im besten Sinne mitreißend formuliert ist.

Auf der CD hilft dabei eine Combo um Charlie Mariano (sax) und Jo Barnikel (keys), eine gute Balance zwischen Geradlinigkeit und entspanntem Jazzfeeling zu finden, ohne dabei in zu flache oder zu kunstvoll gekräuselte Fahrwasser zu geraten. Das ist Konstantin Wecker durchaus nicht immer gelungen.

Neuland? Oder bekanntes Gewässer? Hören Sie doch mal rein:
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