Quarter to Six
Helicon 2013
Idan Raichel erzählt gerne. Locker
über das Klavier geneigt, dem Publikum zugewandt, kommt er ins
Plaudern, über seine Familie, über Begegnungen, die ihn berührt
haben, über Musik. Darüber, daß Lieder zu verbindenden
Traditionen, zu Volksgut werden können. Da fällt ihm spontan ein
Lied ein hebräisches Lied ein, das er vor Kurzem in Israel im Radio
gehört hat. Er spielt es aus dem Gedächtnis auf dem Klavier an,
dann lädt er sich auf seinem Smart-Phone den Text herunter und singt
dem Publikum den Refrain vor: Alle sollen mitmachen. Den überraschten
Musikern aus der Band deutet er an, wie er sich Tempo, Begleitrhytmus
und Baßlauf vorstellt. Dann kann's losgehen: ein Lied mit vier oder
fünf Strophen, jede um einen Halbton nach oben moduliert. Die Band
geht mit, ohne Ruckeln und Klappern, wie EIN Organismus. Und das
Publikum erlebt: so kann Musik sein. Spontan, organisch, verbindend.
Da entsteht etwas, von dem fünf Minuten vorher selbst der
Hauptakteur noch nichts wußte. Und danach ist die gesamte Atmosphäre
im Raum wie verwandelt.
Idan Raichel ist kein Einzelgänger, er
schöpft aus der Beziehung heraus. Aus der Beziehung zur Tradition,
aus der Beziehung zum Publikum, aus der Beziehung zu seinen
musikalischen Freunden. Alleine auf der Bühne (ein Mann, ein
Klavier) könnte ich ihn mir nicht so gut vorstellen: eine gewisse
Blässe hat er schon. Selbst sein Klavierspiel, bei aller Virtuosität
und allem Ideenreichtum in seinen Kompositionen, wirkt auf Dauer
etwas „einfarbig“. Doch was für ein toller Gastgeber ist er, was
für ein gutes Händchen hat er dabei, gute, vielseitige, mitreißende
Musiker um sich zu scharen und aus einem Konzert ein Fest werden zu
lassen. Neben der gebürtigen Kubanerin Maya Avraham und der äthiopisch-stämmigen
Soulröhre Cabra Casey steht plötzlich Andreas Scholl auf der Bühne,
Deutschland beliebtester Altus, Veredler vieler Alte-Musik-Aufnahmen
der letzten 20 Jahre. Diese Konzert-Begegnung war eine Spontanidee
unter Freunden, Scholl selbst wirkt ganz privat, in T-Shirt und Jeans, ohne
Auftrittsgestus. Gemeinsam zaubern sie das leise „In stiller Nacht“, ein Lied, in dem Raichel für Scholl den Text eines
Brahms-Liedes neu vertont hat. Das klingt ziemlich klassisch, sehr
intim, ein stiller Moment an diesem Konzertabend in der Berliner
Synagoge.
Und für mich ist das der letzte,
ausschlaggebende Punkt, mir noch am gleichen Abend Raichels neuestes,
drittes Album zuzulegen, auf dem „In stiller Nacht“ in einer
Studio-Version vertreten ist. Fülliger, packender klingt es da, ein
bißchen mehr nach Filmmusik. Und wird in dieser Form zum Ohrwurm und
inneren Soundtrack für mehrere Wochen.
So ein Studio-Album kann ein
Live-Erlebnis natürlich weder ersetzen noch kopieren. Auf CD klingen die Lieder
weniger jazzig, weniger verspielt als an jenem Abend vor einem halben
Jahr, dafür ein wenig mehr nach Hintergrundmusik und
Radiotauglichkeit. Was aber trotzdem ungemindert rüberkommt, ist des
schöpferischen Musikers offenes Ohr: Für die Themen der Zeit und
seines Volkes, für die unterschiedlichen sprachlichen und
kulturellen Hintergründe der Menschen in seinem Land, für ihre
Sehnsüchte und ihre Lieder. Selten findet man auf einer CD eines
einzelnen Liedermachers eine solche Vielzahl an guten Melodien,- die
aber nicht für allein sich stehen, sondern abgelauscht scheinen, nicht zuletzt dem Idiom und der Mentalität der
beteiligten Gastsänger.
Sensationell, wie sich Raichel in „Sabe Deus“, das er für die portugisische Sängerin Ana Moura geschrieben hat, in den Fado einfühlen kann: eine Melodie, die es Wert ist, von allen Meisterinnen ihres Fachs ins Repertoire aufgenommen zu werden. Ganz anders, aber nicht weniger berührend das kleine afro-französische Liebeslied „Mon Amour“ aus der Kehle des Sängers Vieux Farka Touré aus Mali, lächelnd und tieftraurig gleichzeitig, unübertroffen in seiner Bescheidenheit und Natürlichkeit. Daneben das rassige, tanzbare, arabische „Ana Ana wa Enta Enta“, von der Palästinenserin Mira Awad (in der Eurovision 2009 gemeinsam mit der Jüdin Noa aufgetreten) mehr als mitreißend dargeboten. Und: eine Vielzahl an kleinen, feinen, immer etwas melancholischen hebräischen Liedern, über Träume, Sehnsüchte, Hoffnung, Liebe - und Versöhnung, mit der Welt, mit seinen Nächsten, aber auch sich selbst und dem eigenen Sein, ins Leben gehaucht von Raichel selbst und SängerInnen wie Idan Haviv, Tamir Nachshon, Anat Ben Hamo, Liat Zion und anderen, begleitet von Gitarren, ein wenig Percussion, ein wenig Keyboard, dazu arabeske Flöten und Lauten sowie die Wärme eines kleinen Streichensembles. Das international editierte Booklet läßt durch seine englischen Übersetzungen auch zu Raichels feiner poetischer Sprache Zugang finden. Noch ein Anspiel-Tipp: der hübsche, zarte Opener "Yored Ha'Erev": „Evening falls“.
Sensationell, wie sich Raichel in „Sabe Deus“, das er für die portugisische Sängerin Ana Moura geschrieben hat, in den Fado einfühlen kann: eine Melodie, die es Wert ist, von allen Meisterinnen ihres Fachs ins Repertoire aufgenommen zu werden. Ganz anders, aber nicht weniger berührend das kleine afro-französische Liebeslied „Mon Amour“ aus der Kehle des Sängers Vieux Farka Touré aus Mali, lächelnd und tieftraurig gleichzeitig, unübertroffen in seiner Bescheidenheit und Natürlichkeit. Daneben das rassige, tanzbare, arabische „Ana Ana wa Enta Enta“, von der Palästinenserin Mira Awad (in der Eurovision 2009 gemeinsam mit der Jüdin Noa aufgetreten) mehr als mitreißend dargeboten. Und: eine Vielzahl an kleinen, feinen, immer etwas melancholischen hebräischen Liedern, über Träume, Sehnsüchte, Hoffnung, Liebe - und Versöhnung, mit der Welt, mit seinen Nächsten, aber auch sich selbst und dem eigenen Sein, ins Leben gehaucht von Raichel selbst und SängerInnen wie Idan Haviv, Tamir Nachshon, Anat Ben Hamo, Liat Zion und anderen, begleitet von Gitarren, ein wenig Percussion, ein wenig Keyboard, dazu arabeske Flöten und Lauten sowie die Wärme eines kleinen Streichensembles. Das international editierte Booklet läßt durch seine englischen Übersetzungen auch zu Raichels feiner poetischer Sprache Zugang finden. Noch ein Anspiel-Tipp: der hübsche, zarte Opener "Yored Ha'Erev": „Evening falls“.
Israel ist bunt und vielschichtig, ein
Land, das man aus unterschiedlichsten Perspektiven betrachten kann
(und vielleicht auch muß). Idan Raichel gelingt eine solche Haltung
auf musikalischer Ebene mit „Quarter to Six“ nun schon zum
dritten Mal, auf unvergleichlich freundliche, integrative,
verschwisternde Art und Weise. Eine gute Art, um in der kommenden
Karwoche auf Jerusalem zu blicken. Und auch auf vieles andere, was
uns in uns und um uns herum an Zerrissenem und Versöhnungsbedürftigem bewegen mag.
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