Sonntag, 29. März 2015

Einer für Alle

Produkt-InformationIdan Raichel Projekt:

Quarter to Six


Helicon 2013

Idan Raichel erzählt gerne. Locker über das Klavier geneigt, dem Publikum zugewandt, kommt er ins Plaudern, über seine Familie, über Begegnungen, die ihn berührt haben, über Musik. Darüber, daß Lieder zu verbindenden Traditionen, zu Volksgut werden können. Da fällt ihm spontan ein Lied ein hebräisches Lied ein, das er vor Kurzem in Israel im Radio gehört hat. Er spielt es aus dem Gedächtnis auf dem Klavier an, dann lädt er sich auf seinem Smart-Phone den Text herunter und singt dem Publikum den Refrain vor: Alle sollen mitmachen. Den überraschten Musikern aus der Band deutet er an, wie er sich Tempo, Begleitrhytmus und Baßlauf vorstellt. Dann kann's losgehen: ein Lied mit vier oder fünf Strophen, jede um einen Halbton nach oben moduliert. Die Band geht mit, ohne Ruckeln und Klappern, wie EIN Organismus. Und das Publikum erlebt: so kann Musik sein. Spontan, organisch, verbindend. Da entsteht etwas, von dem fünf Minuten vorher selbst der Hauptakteur noch nichts wußte. Und danach ist die gesamte Atmosphäre im Raum wie verwandelt.

Idan Raichel ist kein Einzelgänger, er schöpft aus der Beziehung heraus. Aus der Beziehung zur Tradition, aus der Beziehung zum Publikum, aus der Beziehung zu seinen musikalischen Freunden. Alleine auf der Bühne (ein Mann, ein Klavier) könnte ich ihn mir nicht so gut vorstellen: eine gewisse Blässe hat er schon. Selbst sein Klavierspiel, bei aller Virtuosität und allem Ideenreichtum in seinen Kompositionen, wirkt auf Dauer etwas „einfarbig“. Doch was für ein toller Gastgeber ist er, was für ein gutes Händchen hat er dabei, gute, vielseitige, mitreißende Musiker um sich zu scharen und aus einem Konzert ein Fest werden zu lassen. Neben der gebürtigen Kubanerin Maya Avraham und der äthiopisch-stämmigen Soulröhre Cabra Casey steht plötzlich Andreas Scholl auf der Bühne, Deutschland beliebtester Altus, Veredler vieler Alte-Musik-Aufnahmen der letzten 20 Jahre. Diese Konzert-Begegnung war eine Spontanidee unter Freunden, Scholl selbst wirkt ganz privat, in T-Shirt und Jeans, ohne Auftrittsgestus. Gemeinsam zaubern sie das leise „In stiller Nacht“, ein Lied, in dem Raichel für Scholl den Text eines Brahms-Liedes neu vertont hat. Das klingt ziemlich klassisch, sehr intim, ein stiller Moment an diesem Konzertabend in der Berliner Synagoge.

Und für mich ist das der letzte, ausschlaggebende Punkt, mir noch am gleichen Abend Raichels neuestes, drittes Album zuzulegen, auf dem „In stiller Nacht“ in einer Studio-Version vertreten ist. Fülliger, packender klingt es da, ein bißchen mehr nach Filmmusik. Und wird in dieser Form zum Ohrwurm und inneren Soundtrack für mehrere Wochen.
So ein Studio-Album kann ein Live-Erlebnis natürlich weder ersetzen noch kopieren. Auf CD klingen die Lieder weniger jazzig, weniger verspielt als an jenem Abend vor einem halben Jahr, dafür ein wenig mehr nach Hintergrundmusik und Radiotauglichkeit. Was aber trotzdem ungemindert rüberkommt, ist des schöpferischen Musikers offenes Ohr: Für die Themen der Zeit und seines Volkes, für die unterschiedlichen sprachlichen und kulturellen Hintergründe der Menschen in seinem Land, für ihre Sehnsüchte und ihre Lieder. Selten findet man auf einer CD eines einzelnen Liedermachers eine solche Vielzahl an guten Melodien,- die aber nicht für allein sich stehen, sondern abgelauscht scheinen, nicht zuletzt dem Idiom und der Mentalität der beteiligten Gastsänger.

Sensationell, wie sich Raichel in „Sabe Deus“, das er für die portugisische Sängerin Ana Moura geschrieben hat, in den Fado einfühlen kann: eine Melodie, die es Wert ist, von allen Meisterinnen ihres Fachs ins Repertoire aufgenommen zu werden. Ganz anders, aber nicht weniger berührend das kleine afro-französische Liebeslied „Mon Amour“ aus der Kehle des Sängers Vieux Farka Touré aus Mali, lächelnd und tieftraurig gleichzeitig, unübertroffen in seiner Bescheidenheit und Natürlichkeit. Daneben das rassige, tanzbare, arabische „Ana Ana wa Enta Enta“, von der Palästinenserin Mira Awad (in der Eurovision 2009 gemeinsam mit der Jüdin Noa aufgetreten) mehr als mitreißend dargeboten. Und: eine Vielzahl an kleinen, feinen, immer etwas melancholischen hebräischen Liedern, über Träume, Sehnsüchte, Hoffnung, Liebe - und Versöhnung, mit der Welt, mit seinen Nächsten, aber auch sich selbst und dem eigenen Sein, ins Leben gehaucht von Raichel selbst und SängerInnen wie Idan Haviv, Tamir Nachshon, Anat Ben Hamo, Liat Zion und anderen, begleitet von Gitarren, ein wenig Percussion, ein wenig Keyboard, dazu arabeske Flöten und Lauten sowie die Wärme eines kleinen Streichensembles. Das international editierte Booklet läßt durch seine englischen Übersetzungen auch zu Raichels feiner poetischer Sprache Zugang finden. Noch ein Anspiel-Tipp: der hübsche, zarte Opener "Yored Ha'Erev": „Evening falls“.

Israel ist bunt und vielschichtig, ein Land, das man aus unterschiedlichsten Perspektiven betrachten kann (und vielleicht auch muß). Idan Raichel gelingt eine solche Haltung auf musikalischer Ebene mit „Quarter to Six“ nun schon zum dritten Mal, auf unvergleichlich freundliche, integrative, verschwisternde Art und Weise. Eine gute Art, um in der kommenden Karwoche auf Jerusalem zu blicken. Und auch auf vieles andere, was uns in uns und um uns herum an Zerrissenem und Versöhnungsbedürftigem bewegen mag.

Idan bei amazon 

Sonntag, 22. März 2015

Lady's Night

Produkt-InformationElaine Paige: Encore  

Sunset Boulevard, Piaf u.a.

Warner Music 1995

Das ist doch mal sympathisch: Da verwandelt sich eine kulturell eher semimondäne Metropole wie Bielefeld für eine Nacht zur Musical-haupstadt und wuppt auf ganz beachtliche Weise eine Premiere wie „Sunset Boulevard“, einen jener klassischen Lloyd-Webber-Schinken, die mittlerweile auch für individuelle Inszenierungen an kleineren Theatern freigegeben sind. Und es macht richtig Spaß!

Das Stück lohnt sich ohnehin. Auch wenn Sie kein Musicalfan sind, könnten Sie die Geschichte kennen: aus dem gleichnamigen Film von Billy Wilder. Die tragische Geschichte des alternden Stummfilmstars Norma Desmond, die sich in die Scheinwelt ihrer ehemaligen Größe zurückgezogen hat, von ihrem Comeback träumt – und über diesen Wahn schließlich zur Mörderin wird. Eines jener Stücke, deren Wirkung (auf Bühne wie CD) maßgeblich von der Ausstrahlung und Rollendurchdringung der Protagonistin abhängig ist. Keine Rolle, mit der eine aufstrebende Sängerin entdeckt werden könnte, sondern eine, die gerade von viel Bühnen- und Lebenserfahrung profitiert. 

So liest sich die Liste der zentralen Interpretinnen dieser Rolle auch wie ein Who-is-who des modernen Musicals: Patti Lu Pone als Norma der ersten Stunde: wie schon als Evita oder Fantine expressivst an die Grenzen gehend, vor allem die brüchigen Seiten der Figur beleuchtend. Deutlich introvertierter, schmalbrüstiger, dabei aber kaum weniger berührend Filmstar Glenn Close in ihrer wohl größten Gesangsrolle als erste US-Norma. Sehr versiert, aber auch deutlich kühler Betty Buckley, gefolgt von Ex-Downtown-Prinzessin Petula Clark. In Niedernhausen teilten sich die Rock-, Brecht- und Jazz-erfahrene Helen Schneider und die Chanson-Spezialistin Daniela Ziegler die Hauptrolle der ersten deutschen Produktion. Große Namen also durch die Bank.

Hier möchte ich nun eine Sängerin hervorheben, die in dieser Liste erst recht nicht fehlen darf: Elaine Paige. Auch wenn Sie ihren Namen nicht kennen sollten, werden Sie um ihre Stimme wohl kaum ganz herumgekommen sein, denn sie war häufig mit dabei, wenn ein neues großes Musical aus der Taufe gehoben wurde. Als erste Bühnen-Evita, erste Cats-Grizabella und erste Chess-Florence steht sie nicht nur bei unsterblichen Erst-Einspielungen ganz oben auf der Platte, sondern wurde auch in entsprechenden Single-Auskopplungen im Radio rauf und runter gespielt. Selbst wenn man in der Zwischenzeit noch andere, bessere Interpretinnen derselben Lieder gehört haben sollte, bleibt doch mit der ein oder anderen Melodie einfach der typische Paige-Sound verbunden: im Piano etwas hauchig, bisweilen mädchenhaft leicht, im Forte deutlich verhärteter und zum Teil fast unangenehm nasal. Eigentlich keine wirklich schöne Stimme. Aber was für eine Interpretin. Was für eine Power. Und genau das paßt ideal zur Sunset-Diva Norma Desmond: dieses Changieren zwischen mädchenhafter Naivität und (egomanischer) Verhärtung, bis zur Fratze. Und das auf der Basis großer Melodien.

Eine Gesamtaufnahme gibt es von dieser leider Interpretation nicht. Erfreulicherweise hat Elaine Paige dennoch die drei zentralen Songs des Musicals („With one look“, „A perfect year“ und „As if we never said goodbye“) ganz seriös im Studio aufgenommen – und macht sie mit dieser CD zugänglich. Appetizer, die deutlich Lust auf mehr machen. Ähnlich appetitanregend auch die drei gut ausgewählten Auszüge aus dem biographischen Bühnenstück „Piaf“ von Pam Gems, für alle, die sich nicht das ganze Album zu diesem Projekt zulegen wollen, Beide 3er-Päckchen zeigen Paige als eine gereifte, stimmgewaltige Charakterdarstellerin mit großem Ambitus und großer Ausstrahlung.

Die weiteren Beilagen dieser CD sind eher mit Vorsicht zu genießen. Das allseits bekannte Duett „I know him so well“ aus „Chess“ ist und bleibt wunderbar, aber wem fehlt es noch in der Sammlung? Die Live-Aufnahmen von „Don't cry for me Argentina“ und „I dreamed a dream“ (Les Miserables) von 1993, mit großem Orchester eigentlich höchst willkommen (schließlich gibt es auch von Paige als Fantine keine adäquate Aufnahme) erschrecken mit höchst verzichtbaren Um-Arrangements (wer kam auf die dumme Idee, das Vorspiel der Fantine-Ballade umzuschreiben?). Desweiteren kommt der aufmerksame Hörer noch in den Genuß von 4 Auszüge aus einer Produktion aus den 80ern, „Stages“ genannt, die, anknüpfend an ihre Erfolge in Evita und Cats, ihre ganze Breite an Bühnenmöglichkeiten demonstrieren sollten: „Memory“, „I don't know how to love him“ (Jesus Christ Superstar), „Another suitcase in another hall“ (Evita. Warum muß auch sie noch die einzige Nicht-Evita-Ballade des Stückes singen?) und „On my own“ (Les Misérables: Eponine). Was die Aufnahmen durch die Emphase der jungen Sängerin gewinnen, verspielen sie wieder durch ihren Versuch, die Bühnenfassung radiotauglich zu verpoppen. Wozu braucht Grizabella eine Hawai-Gitarre? So waren sie halt, die 80er Jahre...

So dokumentiert „Encore“ also nicht nur die darstellerische Breite einer Ausnahmekünstlerin, sondern auch das qualitative Spektrum im Umgang mit der Konservierung von Musical-Stücken auf CD, die durchaus noch Luft nach oben läßt – und das Live-Erlebnis ohnehin nie ersetzen kann. Wer Norma also mal in aller Breite genießen will, der fahre doch mal nach Bielefeld!

Sonntag, 15. März 2015

Große Oper

Produkt-InformationFreddie Mercury & 

Montserrat Caballé:  

Barcelona


Polydor 1988

Können Sie sich an Ihre erste CD erinnern? War sie das Objekt eines lang gehegten Wunsches, ein Zufallskauf, ein Überraschungs-Geschenk? Ist sie heute noch Teil Ihres Haushalts, oder ist sie längst der Ausmistung oder Digitalisierung zum Opfer gefallen?

Meine erste CD macht mir gerade Druck. Sie mahnt an, daß ich mich ständig um meine Neuerwerbungen, meine neuen Fundstücke kümmere. Dabei habe sie einen wesentlich größeren Teil meines Lebens mit mir verbracht. Die neueste CD wird nicht allzu lange die neueste bleiben, die erste bleibt es jedoch auf ewig.
Drum möchte ich sie, dem schlechten Gewissen nachgebend, heute einmal ausreichend würdigen. Ich habe sie mir vor fast 25 Jahren, im Zuge der Umstellung von Kassette auf CD, ganz bewußt als Grundstein meiner Sammlung gekauft. Ein Liebesbeweis.

Warum will sie die erste sein? Tatsächlich hat sie etwas Aufdringliches, etwas Auftrumpfendes an sich, an dem man schwer vorbei kommt,- außer wenn man es ganz abschaltet. Leise anhören kann man sie nicht, ohne sofort von ihr genervt zu sein, sie braucht die volle Aufmerksamkeit. Zwei Rampensäue sind da am Werk, „Divas in Concert“ könnte man auch sagen, und das muß schwelgen und krachen im Breitwandsound, sonst funktioniert es nicht. Schon eine großartige Idee, diese beiden Künstler zusammenzubringen: Freddie Mercury, 1991 verstorbener Leadsänger der Gruppe „Queen“, meiner Meinung nach der stimmgewaltigste Rocksänger des letzten Jahrhunderts, und Montserrat Caballé, die spanische Opernsopranistin, die nicht nur kompatibel war mit diversen Unterhaltungsmedien ihrer Karrierezeit (schon mit wenigen Tönen konnte sie eine ganze Wetten-Daß-Gemeinde für Puccini gewinnen), sondern auch für Kenner italienischer Belcanto-Opern (Bellini, Donizetti, Verdi) in die vorderste Reihe gehört. Arrangiert wurde diese Begegnung in den 80er Jahren, zu einer Zeit, wo Crossover noch nicht überall auf der Tagesordnung stand.

Was dabei herausgekommen ist, bietet viel Stoff für Diskussion. Ein befreundeter Opern- und Caballé-Anhänger trennte sich von dieser CD mit größter Verärgerung über die „sinnlose Produktion schöner Töne“, das Hausieren-Gehen mit dem eigenen Stimm-Gold ohne jegliche ernsthafte künstlerische Aussage. Stimmt, ein seriöses Werk ist „Barcelona“ nicht. Dafür herrscht hier jedoch maximale Spiel- und Verkleidungsfreude. Alles das, was sich schon in den Songs von Queen (insbesondere „Bohemian Rhapsody“, dem Inbegriff des opernhaften Rocksongs) als grenzensprengend klassisch ambitioniert zeigte, kennt hier kein Halten mehr. Der Komponist Mercury packt hier alles aus, was er an formalen und harmonischen Finessen zu bieten hat und suhlt sich geradezu in den Möglichkeiten, die ihm die Kombination aus Rockband, queen-typischer Stimmenvervielfachung und großem Sinfonieorchester bietet. So sprühen und explodieren diese Songs vor Ideen, harmonischen Farben, extravaganten Wendungen.

Der Titelsong „Barcelona“ kommt mit seinem lautstarken Profil und seiner relativen Schlichtheit in Melodie und Harmonik noch relativ plakativ und vordergründig daher. In „La Japonaise“ ist es schon anerkennenswert, wie gut sich Mercury seine Musiker in die Klangsprache einer der Paraderollen seiner Partnerin, „Madame Butterfly“, einzufühlen vermögen: man könnte dies geradezu als Verbeugung verstehen.
Mein Lieblingslied hingegen war schon immer „The Fallen Priest“, ein hochdramatisches Machwerk, das mit einer filmmusikähnlichen Tour-de-force-Jagd von Klavier und Orchester beginnt- und sich dann über eine melancholisch-balladenhafte Strophe zu einem wuchtigen Refrain mit atemberaubenden Tonsprüngen aufschwingt. Eine großartige Gelegenheit für Mercury, sich in seiner ganzen selbstverzehrenden Präsenz stimmlich zu entäußern. Seiner Partnerin Caballé kommen da tatsächlich eher die zum Teil fast instrumental geführten, ornamentalen oder legierenden Aufgaben zu,- meines Erachtens ein sehr reizvoller Kontrast.

Überhaupt sind es in diesem gesamten Album besonders die von Gegensätzen geprägten Gegenüberstellungen, Übergänge und Überblendungen, die bei mir zwar längst nicht mehr Überraschung, wohl aber immer wieder wohlige Schauer und Gänsehaut auszulösen vermögen. So zum Beispiel die Stelle im Stück „The Golden Boy“, an der vollkommen unvorbereitet, mit den Worten „and then he said to her“ ein volltönender Gospelchor einsetzt; wunderbar, wie dieser dem ganzen Ensemble wahrlich einheizt. Ähnlich bemerkenswert finde ich den Kunstgriff, die zarte Ballade “Guide me home" in den am deutlichsten queen-ähnlichen Rocksong „How can I go on“ hinüberzumodulieren (deren Refrain-Melodie mit ihrer pentatonischen Bauart wiederum asiatisch klingt und dadurch einen Rückbezug zu „La Japonaise“ eröffnet).

Ein Kaleidoskop also, aus verschiedenen Stilen, Stimmungen, Bausteinen, Farben, manchmal überdreht, manchmal überladen, mit vielen Scheinwerfern vergrößert an die Hauswand geworfen – und dabei einfach Laune machend. Große Oper halt.

Sonntag, 8. März 2015

Familientreffen

Produkt-Information Alexa Feser: Gold von Morgen


Warner Music, 2014

Liebe Alexa. 

Ersteinmal: schön,daß ich Dich kennenlernen durfte. Allein dafür hat sich der Fernsehabend mit der Vorentscheidung für den Eurovision Song Contest schon gelohnt: Mit der Gruppe Laing, dem Souler Andreas Kümmert und Dir haben sich für mich drei neue Kapitel interessanter Künstler aus Deutschland geöffnet. In Deinem Fall habe ich sogar mein Kaufverhalten geändert: normalerweise kann ich eine halbe Ewigkeit warten, bis eine CD mir second-händig zufliegt. Diesmal habe ich sogar größeren logistischen Aufwand auf mich genommen, um Deine Songs ohne Verzögerung in den Discman zu bekommen. Sowas finde ich gut: eine längere Zugfahrt mit neuer Musik auf den Ohren. Und: ich habe den Schnellkauf keinesfalls bereut.

Während ich selbst in der Bahn sitze, fällt mir ein, daß Du ja nun doch nicht nach Wien reisen wirst. Bedauerst Du das? Ich glaube, letztlich ist das vielleicht ganz gut so. Ich bin nicht sicher, ob Du wirklich in die große, glitzernde Eurovisionsfamilie hineingepaßt hättest, ob sie Dich da als eine der ihren aufgenommen hätten. Du machst ja Musik eher für Innen als für Außen, so kommt es mir vor, und in dem Trubel der größten Musikshow der Welt kann die ein oder andere Kostbarkeit dann doch untergehen. Vor allem Deine feine, eigene Art, mit der deutschen Sprache umzugehen, voller Zwischentöne, voller Durchblicke auf tiefere Ebenen: Das erschließt sich nicht jedem, erst recht nicht auf dem internationalen Parkett. „Das Gold von morgen“ ist keine durchdesignte, mit perfektem Timing in den Europäischen Musikhimmel abgeschossene Goldregen-Rakete, sondern etwas, für das man graben – oder zumindest aufmerken – muß. „Ich liebe das Suchen mehr als das Finden“ singst Du, tastest nach eigenen Antworten, verstehst Dich als immer unterwegs – und vermeidest damit auch, mit klar definierten (künstlerischen) Aussagen festgelegt und vermarktet zu werden.

Am meisten freue mich darüber, daß Du endlich mal wieder eine Sängerin bist, die alle ihre Songs selbst dichtet, komponiert und auf dem Flügel live begleitet: man nimmt Dir von der ersten Sekunde an ab, was Du singst. Und witzig ist, welche Assoziationen Du bei mir weckst, wie viel deutsche Popgeschichte in mir mitläuft, wenn ich Deinen Liedern lausche. Wenn Du über Liebe singst, wirst Du mädchenhafter, hauchst und säuselst manchmal wie Nena. Bei temperamentvolleren Ansagen wird Deine Stimme rauher, schneidiger: mittlerweile habe ich rausbekommen, daß sie mich dabei stark an Carolin Fortenbacher erinnert. Die Art, „Ich bleibe“ im gleichnamigen Lied ein bißchen wie „bloibö“ auszusprechen: kenne ich die von Ina Deter, oder von Cora („Amsterdam“)? Und dann die Balladen, allen voran mein Lieblingssong „Gold von morgen“: der könnte eins zu eins von Grönemeyer sein, in Harmonik und Satzweise am Klavier, aber auch in Deiner Art, die Worte zu rhytmisieren, die Vokale zu dehnen, die Stimme von unten anzuschleifen...

Bitte versteh mich nicht falsch: das meine ich nicht als Kritik! Vielmehr habe ich mich in Deiner Musik ab dem ersten Ton zu Hause gefühlt. Es geht mir wie auf einem Familientreffen: Es ist interessant, manchmal amüsant, manchmal geradezu rührend zu beobachten, wie doch alle irgendwie zusammengehören, mit welchen Prägungen die verschiedenen Generationen aufgewachsen sind, von welchen Vorbildern oder auch Angewohnheiten man sich noch nicht lösen kann oder will, aber auch an welchen Stellen man ganz eigene Wege zu gehen bereit und entschlossen und befähigt ist. Daß da bei Dir Assoziationen in Richtung Liedermachern, Soul, Deutschrock und -pop, aber auch Schlager auftauchen, ist für mich kein Zeichen von Untentschlossenheit oder Beliebigkeit, sondern einer natürlichen Auflösung der Grenzen zwischen den Gattungen zu verdanken. Davon kann man nur profitieren, finde ich. Und außerdem macht Dich das sehr sympathisch.

Die Refrainzeile „Immer dann, immer dann, immer dann wenn es vor Dir stand, hast Du es nicht erkannt“, aus Deinem ersten Eurovisions-Vorschlag „Glück“ begleitet mich als Ohrwurm schon seit 3 Tagen. Inhaltlich hätte es tatsächlich gut neben „Wunder gibt es immer wieder gepaßt“ („wenn sie Dir begegnen, mußt Du sie auch sehen“), mit dem die junge Katja Ebstein im Grand Prix 1970 einen guten dritten Platz ersang. Ein solches Glück wollen wir nun (der angesichts der von Buh-Rufen begleiteten Mandatsablehnung des auf Platz 1 gewählten Andreas doch ziemlich be-kümmert dreinblickenden) Ann Marie wünschen. Und Dich hoffe ich vielleicht mal auf einer kleinen Berliner Live-Bühne wiedersehen zu dürfen. „Wir sind hier“: das ist Dein einfaches, aber enorm entlastendes Statement angesichts aller Vergeb- und Vergänglichkeiten in der heutigen Zeit. Und an anderer Stelle: „hab' keine Idee“, aber „Ich bleibe“.

Das hoffe ich!
Auf bald!

Sonntag, 1. März 2015

Flower Power

Produkt-InformationIl Giardino Armonico:

Bach Biber Corelli Locke 
Monteverdi Rossi Vivaldi

11 CDs, Warner Classics, 2006

Und: sind Sie schon im Frühling angekommen? Oder der Frühling bei Ihnen? Und wie fühlt sich das an: So ähnlich zart wie „leise klingt durch mein Gemüt“ bei Heinrich Heine, oder kraftvoller, eine Explosion von Farben, Düften, Assoziationen?

Ich mag den Frühling gerne frisch - und lande musikalisch (Schubert und Strawinsky am Wege lassend) doch am ehesten bei Vivaldi. Nicht gerade orginell, das gebe ich zu. Aber gute Stücke werden nicht schlechter dadurch, daß man in Gefahr läuft, sich ihrer leidzuhören. Und „Die vier Jahreszeiten“ müssen ja durchaus nicht so klischeehaft glatt und dauerlächelnd daherkommen, wie man das aus ihrer vielfachen Vermarktung gewohnt ist. Denn nicht nur in den Takten des Sommergewitters oder in den zerrenden Kälteschüben und Schneeböen des Winters ging es Vivaldi weniger um schmerzfreie Hintergrundberieselung als um das Erlebnis von Naturgewalten. Launisch, beunruhigend, fesselnd.

Natürlich benötigt man auch eine gewisse Art von Temperament, um diese unterschiedlichen Temperaturen auf den Hörer übertragen zu können, und da ist es begrüßenswert, daß sich in der zweiten bis dritten Generation der Originalklangbewegung auch die Italiener zurückgemeldet haben. Allen voran Giovanni Antonini und sein Ensemble „Il Giardino Armonico“, die den Vivaldi-Dauerbrenner mit einer der flammendsten Lesarten angehen, voller Kontraste, voller subtiler Zwischentöne. Auch diejenigen, die die Stücke in und auswendig zu kennen meinen, werden die ein oder andere Neuentdeckung machen können. So herrscht im Garten der „Giardino“s ein Blütenzauber der Überraschungen: was wo aus der Erde herausbricht, wie sich altbekannte Farben neu mischen.

Da man in diesem Garten gerne immer wieder vorbeikommt, lohnt sich die hier vorgestellte Sammelbox diverser Aufnahmen aus den Jahren 1991 bis 2001 (wohlgemerkt: zum Preis einer Doppel-CD!) ganz besonders. Ihre Spezialitätenliste enthält (so wie die Speisekarte jedes guten Italieners) schwerpunktmäßig Heimisches: viel Vivaldi (Kammerkonzerte, Duo- und Triokonzerte), Neapolitanische Musik in Kammerbesetzung (von Scarlatti und anderen), eine Zusammenstellung der bekanntesten barocken Weihnachtskonzerte (von Corelli, Manfredini undsoweiter, vom Hören kennen Sie das sicherlich!) und eine wunderbare „Viaggio Italiana“ durch kleine, kurze frühe Meisterwerke, eine Antipasti-Platte der erlesensten Sorte, die kräftig Hunger auf mehr macht.

Wie viel Spaß es bringt, sich von diesem Ensemble an die Hand nehmen und von Kostbarkeit zu Kostbarkeit führen zu lassen, durfte ich unlängst mal wieder live erleben, mit einer 8-Euro-Podiums-Karte, fast zwischen den Musikern sitzend. Blütenduft hautnah sozusagen. Und es war spannend, genau zu sehen, wie sich Antoninis tänzerische, sprungkräftige Bewegungssprache im Dirigieren und Flöten direkt auf seine Mitstreiter überträgt. Von soviel Elan können die Deutschen profitieren,- dabei meine ich nicht nur die Zuhörer, sondern auch die Komponisten. Denn auch Antoninis Lesarten von Biber, Bach und Consorten können sich hören lassen: selten sind die Brandenburgischen Konzerte -oder auch der Kanon von Pachelbel- so undogmatisch, elastisch und spielfreudig zu hören wie hier.

Eine gute Mischung aus wohlbekannten Höhepunkten des barocken Kulturschatzes und seltenen Blüten gießt sich hier also über uns aus, und es bleibt atmosphärisch durchaus nicht nur beim Frühling. Aber die 11 1/3 Stunden Spielzeit dürften wohl ohnehin eine ganze Weile reichen.