Montag, 25. Mai 2015

Made in Sweden

Produkt-InformationTommy Körberg: Livslevande

Mono Music 1990

Liebe Leute. Sorry, daß ich doch noch einmal auf den Grand Prix Eurovision zurückkomme, das habe ich eigentlich gar nicht vorgehabt. Und ich glaube, wenn Italien gewonnen hätte oder gar Russland, wäre ich darüber auch stillschweigend hinweggegangen,- schließlich habe ich genügend andere Themen in der Hinterhand. Aber Schweden: das rührt schon an ganz alte Erinnerungen. Das ist große Eurovisions-Geschichte.

Ich meine ausnahmsweise mal nicht ABBA (auch wenn "Waterloo" wahrscheinlich für alle Zeiten der unangefochten erfolgreichste, maßstabsetzendste Siegertitel bleiben wird). Daß die Schweden heutzutage die Sprache des universal eingängigen und dabei doch gut gemachten Popsongs am besten verstehen, beweisen nicht nur Siegertitel wie der diesjährige "Heroe" oder "Euphoria" von gerade mal zwei Jahren, sondern auch der Umstand, daß bei mindestens zwei weiteren Wettbewerbsbeiträgen pro Jahr gezielt schwedische Produzenten hinzugezogen werden. Aber auch dies ist nicht der Aspekt, über den ich mich hier ausbreiten möchte. Vielmehr geht es mir um meinen ganz persönlichen allerallerliebsten GrandPrix-Beitrag, Schweden 1988. Kein erster Platz damals, aber trotzdem nicht mehr aus meinem Kopf zu bekommen.

Ich hatte alle Songs des Abends (wie schon im Jahr zuvor) mit dem Radiorecorder meines Vaters auf Audiokassette aufgenommen, in recht passabler Tonqualität, aber ohne die Namen der Künstler mitzuschreiben. In der Vor-Internet-Zeit gab es nun keine Möglichkeit mehr, herauszufinden, wer dieser Sänger war, der (trotz noch nicht ganz überwundener Kehlkopfentzündung) mit höchst eindrucksvoller Stimme die wunderschöne Ballade "Stadt aus Licht" gesungen hatte. Celine Dion war die Entdeckung des Abends, von Platz 12 sprach keiner mehr, der Sänger verschwand mitsamt seinem Lied im Dunkeln. Ich trauerte ihm hinterher, mit dem Pathos des beginnenden Eurovisions-Junkies.

Im Jahr 2003 oder 04 gelang es mir, in einem modernden Antiquariat endlich ein Exemplar des ständig vergriffenen Standard-Werkes "Ein Lied kann eine Brücke sein" von Jan Feddersen zu ergattern: der Schmöker, der in wissenschaftlicher Chronologie alle Teilnehmerlisten, Punktetabellen und zudem viele interessante Hintergrundinformationen enthält. Mein erster Blick galt dem Jahr 88 - und entschleierte mir endlich die Identität meines Lieblingssängers: Tommy Körberg. Die Überraschung war perfekt: Das war tatsächlich derselbe Tommy Körberg, der mir seit Mitte der 80er, ab dem Zeitpunkt, in dem er mir als Hauptprotagonist des Musicals "Chess" (aus der Feder der Abba-Macher Anderson und Ulvaeus) erstmals begegnet war, als beste männliche Musicalstimme überhaupt erschien. Charakterstark, charismatisch, substanzreich, im Ernstfall mit großer Durchsetzungskraft, aber auch des zartesten Schmelzes fähig, und dies alles ohne jemals zu knödeln, zu schreien oder zu fisteln. Warum ist dieser Sänger nur international so wenig präsent, dachte ich mir immer. Es war eine große Freude, ihm (mit ca. 15 Jahre verspäteter Erkenntnis) im Grand Prix wiederzubegegnen. Nun galt es, ihn darüber hinaus genauer kennenzulernen.

Beim Herumstöbern in seiner Diskographie fand ich viel Reizvolles. Die Doppel-CD "Gränslös"  aus dem Jahr 2003 ist eines der best recherchiertesten, umfassendsten "Best-of"-Alben, das mir je in die Finger gekommen ist. Einen Zeitraum von 35 Jahren umfassend bildet es die verschiedensten Aspekte und Phasen seiner künstlerischen Vita von Rock über Folk und Chanson zu Musical ab und muß wohl als der gründlichste Weg gelten, dieses grandiosen Künstler kennenzulernen. Ich persönlich konnte mich allerdings noch nie so recht anfreunden mit dem ständigen Auf und Ab an Stilen, Stimmungen und Soundqualitäten, das Anthologien so mit sich bringen. Der ständige Griff nach der "Skip"-Taste läßt das Gefühl eines wirklich zusammengehörenden Stücks Musik letztlich nicht aufkommen. Drum möchte ich heute einen anderen Geniestreich empfehlen: Das Live-Album "Livslevande".

Das ist echte Musik. Ich gebe ja zu: wenn Körberg dazu singt, kann ich auch mal 60er Rock-Schnulzen, dicken Hollywood-Orchestern oder swingenden Big-Band-Klängen etwas abgewinnen. Aber so habe ich es doch am liebsten: eine kleine, filigran aufeinander abgestimmt Combo aus Flügel/Keyboards (Stefan Nilsson), Gitarren (Mats Bergström), Baß (Teddy Walter) und Drums (André Ferrari). Allesamt sind sie am Jazz geschult, zeigen sich phantasievoll und spielfreudig, mit vielen kontrastreichen Details, harmonischen Einfärbungen und ornamentalen Virtuossitäten - und bieten ihrem Sänger damit ein hörbar inspirierendes Feld für eine stimmliche Vielfarbigkeit, die ihres Gleichen sucht. Folkloristische Intimität, blousiges Anrauhen, romantisches Säuseln, humoristisches Deklamieren: bei ihm hat einfach alles gleichermaßen Klang und Klasse.

Gemeinsam durchstreifen die 5 Herren Körbergs Repertoire und beleuchten es noch einmal auf neue, angejazzte Weise, beginnen mit einem Medley aus Liedern des französischen Film-Komponisten Michel Legrand, hier besonders charmant in schwedischer Sprache, kommen dann zu Kurt Weill, dem sie in "Speak low" überraschend Tempo verleihen. Später dann 4 Lieder von Jaques Brel, ebenfalls in schwedischer Übersetzung, in der Sichtweise, die Körberg und Nilsson auf ihrem Brel-Album entwickelt haben: temperamentvoll, geradeheraus, gestaltungsfreudig, ausdrucksstark, ohne das sentimentale Lamento, das vielen anderen Brel-Interpreten anhaftet. Meine Lieblingslieder dieses Albums sind allerdings die schwedischen Originale: das volksliedhafte, harmonisch delikat ausgeleuchtete "Nu har jag fatt den jag vill ha", das in den verswingten Walzer "Nu är det gott att leva" überleitet. Oder auch die Nilssonssche Originalkomposition "Likgiltigheten är en form", ein kunstvoll verschraubter Klaviergroove Keith-Jarrettscher Prägung, der im Verlauf gewaltig an improvisativer Fahrt aufnimmt: alles andere als Easy-listening...

Schade nur, daß Körberg bei seiner Liederreise nicht auch bei der "Stad i ljus" vorbeikommt: sein Eurovisonsbeitrag hätte längst eine kehlkopfentzündungs- und Grand-Prix-Orchester-freie akustische Neuversion verdient.

Tommy bei amazon

Sonntag, 17. Mai 2015

Auf dem Naschmarkt

Produkt-InformationMerci, Jury! 

Grand Prix Eurovision de la Chanson
Favoriten & Siegertitel

2CDs, Sony Music Austria, 2000

Der Countdown läuft,- keine Woche dauert es mehr, bis sich (nach der festlichen Einleitung durch die Eurovisionsfanfare) der Vorhang hebt für das größte Musikspektakel der Welt. Daß das Ganze nicht mehr "Grand Prix" sondern "Song Contest" heißt, kann ich verschmerzen,  angesichts der Bekanntheit und Gesellschaftsfähigkeit, die diese Veranstaltung in den letzten 20 Jahren zurückgewonnen hat. Sind auch Sie dabei, vor dem heimischen Fernseher oder auf einer Party?

Und wenn ja, bereiten Sie sich vor? Schauen Sie sich Favoriten oder schwarze Schafe vorher auf youtube an, oder wollen Sie sich lieber überraschen lassen?

Ein anderer Weg der Einstimmung könnte es ja auch sein, noch einmal in die Urgründe der Grand-Prix-Geschichte einzusteigen und herumzustöbern im Fundus zwischen Chansonkunst und TV-Kommerz. Ehrlich gesagt: auf die inflationären Rückblick-Sendungen habe ich nicht mehr so rechte Lust. Immer wieder dieselben Songs, dieselben Szenen - und dieselben Prominenten, die als Zeitzeugen oder Liebhaber persönliche Erinnerungen oder fachliche Kommentare von sich geben. Auch CD-Zusammenstellungen mit chronologischer Reihung von Siegertiteln finde ich mittlerweile eher reizlos. Umso begrüßenswerter erscheint mir darum das Doppel-Album, das der versierte Eurovisionskenner Jan Feddersen, quasi als Soundtrack zu seinem gleichnamigen Buch, zusammengestellt hat: Bunter gehts nicht! Grand-Prix-Skeptiker dürften staunen, was für Schätzchen der umstrittene Wettbewerb wider Erwarten hervorgebracht hat, und selbst langjährige Fans könnten durchaus die ein oder andere Überraschung erleben.

Die erste Überraschung ist: der CD-Titel stimmt nicht! Natürlich enthält dieses Album "Siegertitel", anderenfalls ließe es sich wohl nicht verkaufen,- aber eine nicht geringe Anzahl der ausgewählten Songs ist noch nicht einmal den "Favoriten" zuzurechnen. Genauso wie die Beliebtheit von Lied und Interpreten, die Punktzahl auf der Anzeigetafel oder die Anzahl verkaufter Singles gelten hier auch Besonderheiten eines Songs oder seiner Geschichte -aus der Sicht eines langjährigen Beobachters - als würdige Eintrittskarte. Das macht die Auswahl deutlich subjektiver, als der Titel zu versprechen scheint, aber auch deutlich interessanter zum Hören: sowohl für die Fans, die alle Siegertitel sowieso schon im Schlafe mitpfeifen können, als auch für Neulinge, die nicht nur mit Sieger-Power beschallt, sondern auch mit leiseren Tönen vertraut gemacht werden wollen. Und es gilt mit Nachdruck zu konstatieren, daß Jan Feddersen's Geschmacksicherheit dabei absolutes Vertrauen gebührt; nicht zuletzt den im Booklet angefügten Kommentaren zu jedem Lied kann man entnehmen, daß ihr Autor mit großem Detailwissen, mit Sinn für die Branche und die Sprache des Kommerzes, aber auch mit viel Herz an die Sache herangeht. Und damit ist dem Grand Prix wahrlich mehr gedient als mit akustischen Erfolgsstatistiken.

Die zweite Überraschung ist: auch wenn Jan Feddersen gebürtiger Hamburger ist und als Redakteur für die Berliner taz schreibt, dominiert hier eine Österreichische Perspektive: Unabhängig vom jeweiligen Erfolgs- oder Bekanntheitsgrad sieht sich der Hörer mit einer überproportionalen Häufung österreichischen Liedguts konfrontiert. Das wird wohl am Sitz des Plattenverlags liegen - und paßt in diesem Jahr 2015 ganz besonders gut zum Austragungsort Wien. Drum gilt es heute diese Raritäten als ganz besondere Schmankerl zu genießen: An Udo Jürgens ("Merci Cherie" 1966, 1. Platz) wäre man zwar auch über jede internationale Zusammenstellung herangekommen,- aber wer kennt schon Karel Gotts hochdramatisches, deutschsprachiges Debut "Tausend Fenster" (1968, 13.Platz), Peter Hortons  "Warum es 100 000 Sterne gibt" (1967, 14.Platz) (damals hatten es die Ösis wohl mit Zahlen...), die Hippie-Hymne "Falter im Wind" der Milestones (1972, 5. Platz) oder gar das sperrige "Die Zeit ist einsam" (1986, 18.Platz) der Künstler-Tochter Timna Brauer, die sich seitdem auch in Brecht-Chansons, Musicals oder hebräischem Jazz bewährt hat? Und da ist noch mehr im Angebot...
Demgegenüber sieht Deutschland auf dieser CD geradezu mager aus,- erfreulicherweise, denn die ganzen Klassiker kann man auch auf anderen Samplern finden. Neben der (nicht zu Unrecht) unumgänglichen Nicole dürfen wir uns hingegen freuen über Raritäten wie die englische Version von Joy Flemings Klassiker "Ein Lied kann eine Brücke sein" (dem am häufigsten diskutiertesten 17.Platz der ESC-Geschichte) und die französische Fassung von Mary Roos' "Nur die Liebe läßt uns leben" (1972, 3.Platz): Diese eigenwillige Wahl sorgt nicht zuletzt dafür, daß nicht nur eine Sieger-, sondern auch eine Siegel-Sammlung vermieden wird. Stattdessen hören wir auch Stefan Raab mit seinem 1998 für Guildo Horn geschriebenen Beitrag zu Recht neben Altmeister Ralph auf diesem Album verewigt: ihm ist es zu danken, daß der in die Jahre gekommene Wettbewerb wieder für eine breitere Öffentlichkeit attraktiv wurde: zuerst mit (warmherziger) Ironie (Guildo), und dann mit echt frischem Wind (Lena, leider zu jung für dieses Album).

Auch Feddersen mag das Innovative - und dokumentiert, daß so manches, was für die Juroren zu ihrer Zeit noch zu ausgefallen war, in den Hitparaden der Fans längst Unsterblichkeit erlangt hat: wie das stylische Techno-Opus "Minn histi dans" des isländischen Superstars Paul Oscar (1997, 20.Platz), der relaxte dänische Mandolinen-Reggae von Aud Wilken (1995, 5. Platz) oder die gleichermaßen groovige wie epische Disco-Hymne "Vrede" aus den Niederlanden (1993, 6.Platz), die damals auch mein Lieblingssong war; wie schön, eine eigene geschmackliche Vorliebe wiedergespiegelt zu bekommen!

Ein weiterer Reiz dieser CD ist es, daß sie (gezielt oder zufällig?) historische Rivalitäten um den Sieg dokumentiert. Gleich zweimal sind es übrigens innovative Beiträge aus Frankreich, die bei aller Anerkennung im letzten Moment dann doch den Kürzeren zogen: 1990 die farbige Joelle Ursull mit dem rhythmusbetonten "White and Black Blues" gegenüber dem eingängigen Euro-Hit "Insieme 1992" von Toto Cotugno (Italien). 1991 die gebürtige Tunesierin Amina mit ihrer sphärischen Ethnopop-Ballade "Le dernier qui a parlé" 1991 gegenüber der Windmaschinen-Sause "Fangad av en stormvind" von ESC-Ikone Carola aus Schweden. Gleichermaßen nachzuhören ist das 1998er Kopf-an-Kopf-Rennen der "ungleichen Schwestern" Chiara aus Malta (mit ihrer warmherzigen, kerzenbeschienenen Ballade "The one that I love") und dem Disco-Blickfang Dana International, der ersten Transsexuellen auf der ESC-Bühne, die mit ihrem Sieg "Diva" ein neues Kapitel des Wettbewerb aufschlug. Anfänglich gab es übrigens noch keine Regel für den Fall, daß mehrere Beiträge die identische Punktzahl erreichen würden,- so daß 1969 gleich vier Sieger zu verkünden waren. Zwei davon sind hier verewigt: die wunderbare Gitarrenerzählung "De Troubadour" von Lenny Kuhr (Niederlande) und die breit angelegte, fast klassische Hymne "Un jour, un enfant" von Frida Boccara aus Frankreich, für mich die zwei schönsten Neuentdeckungen auf diesem Album.

Und dann, last not least, natürlich die Stars, die Hits, die den Wettbewerb lebendig und ertragreich machen: Songs, die über den Grand Prix hinaus Geschichte geschrieben haben wie Modugnos "Volare" (Italien 1958), "Save your kisses for me" (GB 1976) oder "Hallelujah" (Israel 1979); Künstler, deren Karrieren mehr oder weniger untrennbar aus dem ESC hervorgegangen sind wie Vicky Leandros, France Gall, Isabelle Aubret, Celine Dion oder Johnny Logan; international bekannte Künstler, die dem Wettbewerb ihren qualitativen Stempel aufgesetzt haben wie Cliff Richard, Francoise Hardy, Alice oder Katrina & The Waves...
Werfen Sie doch noch einmal einen Blick auf die Songliste!


Natürlich fehlt da so einiges, nicht zuletzt das ganze neue Jahrtausend, der Vormarsch der Balkanländer, die Erfrischungskur aus dem Baltikum, die Exentritäten der ersten polnischen Beiträge und und und. Zeit also für eine Folge zwei, lieber Herr Feddersen!

Und was denken Sie? Sind Sie auf den Geschmack gekommen - oder haben genug genascht für heute? Dann kaufen Sie doch schon mal für den nächsten Samstag ein paar Knabbereien ein: der alternativlos beste Sampler ist ohnehin das Live-Erlebnis, marktfrisch und voller Überraschungen. Wir können gespannt sein!

Sonntag, 10. Mai 2015

Fürs Auge

Produkt-InformationRichard Strauss: 

Der Rosenkavalier


Kiri te Kanawa, Anne Sophie von Otter,
Barbara Hendricks, Kurt Rydl,
Franz Grundheber, Richard Leech

Staatskapelle Dresden, Bernard Haitink

3 CDs, EMI Classics, 1991

Es gibt so manche Dinge, die gehen immer. Für mich gesprochen: Beim Essen was mit Nudeln. Beim Lesen was von Patricia Highsmith oder Fontane. Vor dem Bildschirm ein Agatha-Christie-Epos oder ein alter Disney. Und auf der Opernbühne: Der Rosenkavalier, ganz sicherlich das Werk, das ich mit Abstand am häufigsten live gesehen habe. Das liegt wahrscheinlich an der attraktiven Konstellation von lyrischen Frauenrollen: viel Schmelz, viele schöne Duette. Da birgt jede neue Besetzung neue Aspekte, neue Schönheiten.

Das schlägt sich natürlich auch auf dem CD-Markt nieder: viele bedeutende Interpretinnen des romantischen Opernfachs haben dort bleibende Spuren hinterlassen. Eine Antwort auf die Frage nach der empfehlenswert "besten Aufnahme" wird dadurch nicht einfacher, und ich bleibe auch in meiner eigenen Entscheidung ambivalent. Beim Rosenkavalier geht es mir mit meinen Hörbedürfnissen nämlich ähnlich wie bei Verfilmungen von Deutschen Literaturklassikern, wo es, (im Beispiel gesprochen) neben dem unterkühlten Fassbinder-Experiment und dem werktgetreuen NDR-Zweiteiler noch die gefühlvolle, ungenaue, aber doch anrührende Kinofassung aus den 50er Jahren gibt, die das Ganze als schöne Geschichte mit schönen Menschen auffasst - und auf diese Weise durchaus auch glücklich machen kann... Für eine solche Produktion möchte ich heute eine Lanze brechen: Die drei weiblichen Protagonistinnen der Haitink-Aufnahme zieren das Original-Cover tatsächlich ähnlich wie auf einem Hollywood-Filmplakat, mit einer rollentypdeckenden optischen Attraktivität, die dem stimmlichen Ergebnis in keiner Weise nachsteht - und dies ist, bei aller "Zuckrigkeit" des Gesamtergebnisses, mehr als die meisten anderen Aufnahmen für sich verbuchen können.

Beim Octavian von Anne Sophie von Otter wird es wohl in der Gesamtdiskussion am wenigsten Kontroversen geben: Zum Aufnahmedatum im Sommer 1990 war sie ohrenscheinlich wohl noch weit entfernt von jenem in den letzten Jahren immer deutlicher hervortretenden Ansatz zur Versprödung der Stimme, die immer wieder mit seltsam trockenen, überreizt-hauchigen Klangmomenten einherging. Ganz im Gegenteil: sie präsentiert sich hier (ähnlich wie in ihrem grandiosen Strauss-Lieder-Recital) von einer strömend-inbrünstigen Seite, welche gleichzeitig immer ihren androgynen Grundcharakter zu bewahren weiß und sie damit (wie schon im Mozart-, Gluck- und Händelrepertoire) als ideale Vertreterin von Hosenrollen auszeichnet.

Das Portrait des Bürgermädchens Sophie durch Barbara Hendricks ist, wie alle ihre künstlerischen Aussagen, sicherlich Geschmackssache: Auch ich stand dieser Sängerin noch vor wenigen Jahren eher ratlos gegenüber, empfand ihren Mozart als zu schwerfällig und ihren Schubert (mit ihrer gewöhnungsbedürftig undeutschen Lautformung) als zu maniriert, habe jedoch ihren unverwechselbaren, delikaten Stimmklang mittlerweile sehr liebgewonnen und kann ihrem leuchtenden, "sahnigen" Legato bei Strauss deutlich mehr abgewinnen als den meisten, eher silbrig-mädchenhaften Vokalprofilen ihrer Sophie-Kolleginnen.

Die Leistung von Kiri Te Kanawa als Marschallin, Adressatin der meisten kritischen Einwände gegenüber dieser Gesamtaufnahme, möchte ich an dieser Stelle eher als Plus vermerken. Unbestritten agiert Elisabeth Schwarzkopf um ein Vielfaches differenzierter, dadurch aber auch nervöser und "zickiger", Christa Ludwig wesentlich gefühl- und klangvoller, dafür aber unangemessen (groß-)mütterlich, Regine Crespin tiefsinniger, dabei aber unsinnlicher, unweiblicher. So wie es das bereits erwähnte Cover-Foto optisch verspricht, gelingt Frau Kanawa auch akustisch mit ihrer ungebrochen edlen stimmlichen Eleganz sowie ihrer (in dieser Rolle wie verschleiernd wirkenden) Neigung zur Blässe und Trägheit in Ausdruck und Temperament das Portrait einer (verwöhnten) adeligen Schönheit, deren Anziehungskraft auf den Typus des jugendlich-schwärmerischen Liebhabers hier (für mich erstmalig) wirklich nachvollziehbar wird. So gewinnt die Paarung TeKanawa/vonOtter im ersten Akt gerade durch die unterschiedliche Gewichtung von Klang und Ausdruck an Deutlichkeit im Sinne einer gesellschaftlichen Typisierung - und entfernt sich weitestmöglich von der Gefahr, wie ein Schwesternpaar (siehe Schwarzkopf / Ludwig) oder Mutter und Sohn (Ludwig / Jones bei Bernstein) empfunden zu werden.

Das "romantischste Orchester", die Staatskapelle Dresden, bietet für dieses "Hollywood"-Projekt die geeignete, bei aller Weichzeichnung farbenprächtige Kulisse,- so daß man sich (sollte man diese Hörerhaltung nicht als grundsätzlich unseriös ablehnen) durch diese Version des Rosenkavaliers einmal richtig verwöhnen lassen darf.

Rosenkavalier bei amazon

Sonntag, 3. Mai 2015

Heiter bis wolkig (1)

Das Deutsche Volkslied auf CD


Deutschland, Deine Landschaften, Deutschland, Deine Lieder... Gerade komme ich von einer Wandertour durch die Rhön zurück: wirklich ein Geheimtipp, dieses "Land der offenen Weiten", auch bei wechselhafter Witterung. Und die ohnehin sehr entgegenkommenden Ortsansässigen werden noch offener, wenn man Text und Noten des Rhön-Liedes im Gepäck hat und dieses, vom umfangreichen Tagesmarsch ermüdet, im abendlichen Gasthaus vierstimmig darbieten kann.

Ein bißchen liebevolle Ironie mischt sich dann aber doch hinein in den Vortrag. Warum eigentlich? Was ist denn da so komisch am Volkslied der Deutschen?

Produkt-Information
Im sehr sehenswerten Dokumentarfilm "The Sound of Heimat" wundert sich der neuseeländische Klarinettist Hayden Chisholm darüber, daß viele Deutschen wehmütig werden, wenn sie (vorgeblich) traditionelle Klänge aus den Anden hören, aber zur Volksliedtradition des eigenen Landes den größtmöglichen Abstand suchen. Und er macht sich auf den Weg quer durch die deutschen Lande, um Stätten, Musiker und Menschen wie Du und ich aufzusuchen, die -auch heute noch- das gemeinsame Singen von Volksgut pflegen. Letztlich kommt er dabei zu dem Schluß, daß unser Land durchaus eine sehr vielseitige, reichhaltige, lebendige Sangeskultur aufzuweisen vermag,- und man nur offen genug sein muß, sie wahrzunehmen. Seine Erlebnisse und Eindrücke auf diesem Wege sind anregend und berührend gleichermaßen,- jedoch scheint mir das, was sie zu Tage fördern, an vielen Stellen doch mehr originell als originär zu sein, mehr nachschaffend und verarbeitend, als wirklich von den Wurzeln und Quellen zehrend. Wo ist es denn, das Lied, so wie das Volk es schuf?

Ich selbst habe viele schöne Erfahrungen mit alten Volksliedern gemacht, nicht nur beim Selbersingen, sondern auch beim CD-Hören. Als erstes fällt mir da folgendes Album ein, das mir vor vielen Jahren auf einem Wühltisch im Kaufhof in die Hände fiel:

Produkt-InformationEs flog ein klein's Waldvögelein - Volkslieder zur Gitarre
Peter Schreier, Tenor
Konrad Ragossnig, Gitarre
VEB Eterna 1986 bzw. Berlin Classics 1987

Volkslieder von einem klassischen Tenor gesungen: das findet reißenden Absatz, wenn's um spanische Boleros oder argentinischen Tango geht,- im deutschen Fall ist der Grad der allgemeinen Skepsis (vielleicht zu Recht?) deutlich höher angesiedelt. Ich gebe zu: Peter Schreier, seinerzeit einer der musikalischen Haupt-Export-Schlager der DDR, ist Geschmackssache. Vielen Freunden des klassischen Gesangs ist seine Stimme (trotz aller verbürgten Erfolge als Bach-Evangelist und lyrischer Mozart-Prinz) zu eng, zu scharf, zu "knödelig". Daß er (bishin zu den kleineren, spielerischeren Rollen bei Wagner) spezialisiert war auf das feine Gestalten im Deutschen Fach, kommt ihm jedoch auch beim Blick ins Volkstümliche sehr zu gute.
Und ganz unabhängig von meiner gewiss nicht uneingeschränkten Wertschätzung gegenüber Herrn Schreier besitzt diese CD Vorzüge, die mir noch bei keiner anderen begegnet sind: Sie bietet mit einem Umfang von 24 Liedern einen ausgenommen breit gefächerten Einblick in wirklich originales, quellenreines Volksgut. Neben vielem der Romantik Entwachsenen ist das ein oder andere Kleinod  wie "All mein Gedanken" oder "Nach grüner Farb mein Herz verlangt" sogar aus dem 15. Jahrhundert entstiegen. "Klassiker" wie "Wenn ich ein Vöglein wär", "In einem kühlen Grunde" oder "Der Mond ist aufgegangen" sind gleichermaßen vertreten wie unbekanntere Preziosen wie "Du mein einzig Licht" oder "Verstohlen geht der Mond auf". Überaus sensibel spürt der versierte (klassische) Gitarrist und Lautenist Konrad Ragossnig dem Tonfall, Geist und stilistischen Nährboden jeden Liedes nach, formt Tänzerisches, sanft Wiegendes wie Choralähnliches in feine, nie aufdringliche Begleitmuster um, bettet die nicht selten zahlreichen Strophen in schlüssige, kunstvolle und doch nie gekünstelte Vor-, Zwischen- und Nachspiele. Ein profunder Liederfundus, künstlerisch aus einem Guss, ein musikalisches Füllhorn, das den Hörer wirklich zu bereichern vermag: Endlich hört man einmal, wie schön, wie fein, wie tiefgehend all diese alten Melodien und Texte sind.
Ein gewisser Hang zur Noblesse ist dieser Produktion nicht abzusprechen: Assoziationen von Planwagenfahrten, Lagerfeuerromantik oder aufrüttelnden Bänkel-Szenen auf mittelalterlichen Marktplätzen mögen dabei wohl kaum aufkommen,- eher Vorstellungen von Kleinkunstabenden im gepflegten kleinen Saal eines mitteldeutschen Kurhauses, vielleicht sogar bei Regenwetter. Und doch ist da was Wahres und Wahrhaftiges spürbar, finde ich,- und das ganz ohne Ironie.

Drum hören Sie doch mal rein: Peter Schreier bei Amazon

Aber der letzte Schluß zu diesem Thema ist diese CD für mich durchaus nicht: Weitere Aussichten auf Deutsches Volksgut folgen in Kürze...