Sonntag, 21. Dezember 2014

Zum Abschied

Udo Jürgens

"Mitten im Leben - Das Tribute Album"


Produkt-InformationDoppel-CD, Sony Ariola, 2014





Eigentlich wollte ich über etwas ganz Anderes schreiben, und hätte auch nur noch ein paar Zeilen hinzufügen müssen. Da informierte mich web.de nach einem Wochenende im nachrichtenfreien Raum vom Tod von Udo Jürgens. Meine Formulierungen stoppten mitten im Satz. So verschieben sich die Prioritäten.

Nicht dass ich ausgewiesener Udo-Fan wäre, dafür war mir sein musikalischer Ansatz doch zu schlager-mäßig. Aber er hat mein Leben im Hintergrund stets begleitet. Er war schon immer da, beständiger als alle die kamen und gingen, und ist es nun nicht mehr. Man hätte ihn nicht wegdenken können aus der deutschen Musikszene, nun ist er von selbst gegangen. Wer hätte das gedacht, der vor wenigen Wochen im ZDF die Show zu seinem 80sten Geburtstag angeschaut hat: da war er rüstig, charismatisch, alterslos wie eh und je, vor allem dann, wenn er am Klavier saß. So sehe ich ihn seit Kinderzeiten vor mir: ein Sänger, der wirklich Klavier spielen und komponieren konnte, ein kreativer Kopf mit klassischem Know-how, eine Institution in der Welt des deutschsprachigen Liedes. Als solche hat ihn jene Geburtstagsshow gefeiert, als solche feiert ihn auch die Doppel-CD zur Sendung.

Das gemischte Doppel ist Konzept dieses Albums: die eine Scheibe enthält eine bunte Mischung aus Originalaufnahmen, entnommen aus der ganzen Breite seiner Karriere: Klassiker wie „Ich war noch niemals in New York“, „Griechischer Wein“ oder „Mit 66 Jahren“, aber auch unbekanntere Fundstücke wie „Wer hat meine Zeit gefunden“ oder „Verloren in mir“. Ausgewählt wurden diese Lieder von einer illustren Reihe von Musikern, die auf der zweiten Scheibe dieses Doppels ihre eigene Version präsentieren, zu Ehren des Komponisten und zur Freude von Fans und solchen, die es werden wollen. Denn da sind einige Kleinode entstanden, die sich auch ohne Geburtstags-Nostalgie hören lassen: sehr berührend die zurückgenommene Interpretation von „Und immer wieder geht die Sonne auf“ durch Yvonne Catterfeld, da scheint die Zeit still zu stehen. Auch die Jamie Collum-Version des für Sammy Davis Junior geschriebenen Titels „If I never sang another song“ knistert vor Intensität. Und letztlich müssen wohl auch „Atemlos“-
geschädigte Helene-Fischer-Wegschalter zugeben, dass die Art und Weise, wie sie den Eurovisions-Erfolg „Merci Cherie“ zum Aufblühen brachte, den alten Herrn zu Recht zu Tränen rührte: das war auch live größte Gesangskunst.

Enttäuscht haben mich die Klassiker Lang Lang und David Garrett, die sich viel mehr als ihre Kollegen aus dem Unterhaltungsbereich durch bloße Virtuosität in Szene zu setzen versuchten; mir persönlich haben die eher auf Stimmung und Humor setzenden Lieder in den Händen von Formationen wie LaBrassBanda, Satiano oder Chris de Burgh Band deutlich mehr Vergnügen bereitet. Nicht zu vergessen die textaffinen SängerInnen aus der Enkelgeneration, Christina Stürmer, Tim Bendzko und Annett Louisan, die sich auf eigene bis eigenwillige Weise vor ihrem Vorreiter verneigten.

"Mitten wir im Leben sind wir vom Tod umfangen" heißt es in einem alten Kirchenlied. Udo sang zum Schluß des Konzertes in der wunderschönen, jüngst geschriebenen, ganz persönlichen Ballade "Zehn nach Elf" die Zeilen "Der letzte Ton gesungen, der letzte Akkord verklungen". Das hallt noch nach.

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