Sonntag, 25. Januar 2015

Al Dente

Produkt-InformationVershki da Koreshki: 

Real life of plants



Long Arms Records & Green Wave, 1996

Wie man in den Wald hineinruft, schallt es heraus, so sagt der Volksmund. Und sollte man die Singstimme dafür benutzen, könnte sogar ein Volks-Lied dabei herauskommen. So habe ich das zumindest in diesem Blog erlebt:

Neulich schickte ich eine armenische Volksweise in den Äther und bekam tatsächlich eine Antwort: in Form von tuvanischem Kehlkopfgesang! Auch diese Musik entfaltete ihren Magnetismus, und plötzlich saß nicht nur Tom Waits, sondern auch ein italienischer Jazz-Pianist namens Paolo Fresu mit ihm Boot. Solche Resonanz-Phänomene (nachzulesen unter "Kommentare") kenne ich sonst eher von aktivem Musikmachen, die digitalen Netzwerke machen's möglich! Das Schöne daran ist, daß all diese Musikstile, die ihre Wurzeln irgendwo in den Tiefen der Tradition besitzen, von Oben gesehen ihre ganz besonderen Farben und Formen zum Blattwerk des musikalischen Waldes beitragen...

Nun wird es Zeit, daß auch ich im tuvanischen Idiom antworte. „Vershki da Koreshki“ heißt die Formation, die ich heute vorstellen möchte, „Wurzeln und Blätter“. Vier Musiker verbergen sich dahinter: der Sänger Mola Sylla aus Dakar, der zudem noch seine instrumentalen Talente auf den Daumenklavieren Kalimba und Kongoma sowie der senegalesischen Laute Xalam beisteuert; Kaigal-ool Khovalyg aus Tuva, der als Kehlkopfsänger wie auch an der Maultrommel und dem tuvanischen Jagdhorn für besonders delikate Klangmomente sorgt; dazu der Akkordeonist und Pianist Alexei Levin (auch der chinesischen Mundorgel Sheng kundig) sowie Vladimir Volkov, Kontrabassist, aus St. Peterburg: beide sind sowohl im Jazz als auch in der Neuen Musik zuhause.

„Ich mag, wenn Jazz in andere Musikrichtungen hineinwächst“, schreibt Greta. Ja, das mag ich auch! Und ich sehe darin eine gute Alternative zu vielen Ethno-Pop-Konzepten, bei denen auf den Trägerstoff eines Electro-Beats eine so dominante Synthie-Sauce gekippt wird, daß trotz aller Exotik der Eindruck eines Asia-Schnell-Imbisses bleibt, bei dem am Schluß alles gleich schmeckt. „Vershki da Koreshki“ hingegen verwendet sämtliches Wurzel- und Blattgemüse al dente: frisch, unbehandelt, fähig, sich in seiner ganz eigenen Art zu entfalten. Und dies geschieht in der denkbar größten Entspanntheit, ohne jeglichen virtuosen Ehrgeiz, ohne Profilierungsdruck. So transportiert sich die Atmosphäre eines abendlichen Multi-Kulti-Treffens im Park, bei dem Ende und Ergebnis offen sind. Aufgenommen wurde das ganze in Paris und Amsterdam, zwei bewährten Treffpunkten derer, die nach inspirierenden Kontakten und der Leichtigkeit des Seins suchen...

Mein persönliches Lieblingslied ist „Ana“: mit unvergleichlicher Behutsamkeit läßt sich das Klavier auf Syllas traditionell anmutenden afrikanischen Gesang ein, der mit seinem emotional reich schattierten Tonfall ein ganze Lebensgeschichte zu erzählen scheint: so innig begleitete sonst nur Nina Simone -sich selbst-. Hier hingegen erschließt sich eine tiefe Vertrautheit zwischen Fremdem.
Beim Reinhörtipp  "Pitchendebin" hingegen kann man auf schwungvolle Weise miterleben, wie (viel)stimmig und stimmungsvoll sich hier die Kulturen begegnen: afrikanische Chants im Erzählton,  tuvanische Kehlklänge, die sowohl aus tiefsten Tiefen heraufschnarren als auch in den höchsten Höhen des Obertonspektrums körperlos ihre Kreise ziehen, dazu filigrane Klavierimprovisationen auf der groovenden Basis des Kontrabasses: fremdartig und doch voll mitreißender Zugänglichkeit. Auch an nahezu clownesken Ansätzen fehlt es auf diesem Konzertmitschnitt nicht: kleine Duette z.B. zwischen Maultrommel und verfremdetem Akkordeon,wie das Spiel zweier Tiere, die sich zum ersten Mal begegnen. Auf großzügigen 72 Minuten Gesamtspielzeit sind hier vielfache Entdeckungen möglich!

Meine Freundschaft zu „Vershki da Koreshki“ wurzelt in einer Second-Hand-Ausgrabung vor fast 15 Jahren; wie erfreulich, daß sich dieses Album heutzutage übers Internet problemlos auch vor anderen Interessierten aufblättern kann: Viel Vergnügen und wohl bekomm's!

1 Kommentar:

  1. Endlich hab ich mir Zeit für deine außergewöhnlichen Musikrezepte genommen. Schön, dass du deine Second-Hand CD-Sammlung ab von jeglichem Mainstream vorstellst. Kein Eintopf, sondern Ente. Ich habe viel gelernt, nicht nur, weil ich das meiste, was du bis jetzt rezensiert hast, überhaupt nicht kannte. Ich spüre in jedem Satz deine Begeisterung für die Schönheit der Musik. Es macht richtig Spaß, von deinen Entdeckungen zu lesen und ich bin schon gespannt, was du als nächstes aussuchen wirst. Außerdem habe ich jetzt eine tolle Geschenk-Idee für einen Freund von mir: Elina Duni wird auch er lieben.

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