Vershki da Koreshki:
Real life of plants
Long Arms Records & Green Wave, 1996
Wie man in den Wald hineinruft, schallt
es heraus, so sagt der Volksmund. Und sollte man die Singstimme dafür
benutzen, könnte sogar ein Volks-Lied dabei herauskommen. So habe
ich das zumindest in diesem Blog erlebt:
Neulich schickte ich eine armenische
Volksweise in den Äther und bekam tatsächlich eine Antwort: in Form
von tuvanischem Kehlkopfgesang! Auch diese Musik entfaltete ihren
Magnetismus, und plötzlich saß nicht nur Tom Waits, sondern auch
ein italienischer Jazz-Pianist namens Paolo Fresu mit ihm Boot.
Solche Resonanz-Phänomene (nachzulesen unter "Kommentare") kenne ich sonst eher von aktivem
Musikmachen, die digitalen Netzwerke machen's möglich! Das Schöne
daran ist, daß all diese Musikstile, die ihre Wurzeln irgendwo in
den Tiefen der Tradition besitzen, von Oben gesehen ihre ganz
besonderen Farben und Formen zum Blattwerk des musikalischen Waldes
beitragen...
Nun wird es Zeit, daß auch ich im
tuvanischen Idiom antworte. „Vershki da Koreshki“ heißt die
Formation, die ich heute vorstellen möchte, „Wurzeln und Blätter“.
Vier Musiker verbergen sich dahinter: der Sänger Mola Sylla aus
Dakar, der zudem noch seine instrumentalen Talente auf den
Daumenklavieren Kalimba und Kongoma sowie der senegalesischen Laute Xalam beisteuert; Kaigal-ool Khovalyg aus Tuva, der als
Kehlkopfsänger wie auch an der Maultrommel und dem tuvanischen
Jagdhorn für besonders delikate Klangmomente sorgt; dazu der
Akkordeonist und Pianist Alexei Levin (auch der chinesischen
Mundorgel Sheng kundig) sowie Vladimir Volkov, Kontrabassist, aus St.
Peterburg: beide sind sowohl im Jazz als auch in der Neuen Musik zuhause.
„Ich mag, wenn Jazz in andere
Musikrichtungen hineinwächst“, schreibt Greta. Ja, das mag ich
auch! Und ich sehe darin eine gute Alternative zu vielen
Ethno-Pop-Konzepten, bei denen auf den Trägerstoff eines
Electro-Beats eine so dominante Synthie-Sauce gekippt wird, daß trotz
aller Exotik der Eindruck eines Asia-Schnell-Imbisses bleibt, bei dem
am Schluß alles gleich schmeckt. „Vershki da Koreshki“ hingegen
verwendet sämtliches Wurzel- und Blattgemüse al dente: frisch,
unbehandelt, fähig, sich in seiner ganz eigenen Art zu entfalten.
Und dies geschieht in der denkbar größten Entspanntheit, ohne
jeglichen virtuosen Ehrgeiz, ohne Profilierungsdruck. So
transportiert sich die Atmosphäre eines abendlichen
Multi-Kulti-Treffens im Park, bei dem Ende und Ergebnis offen sind.
Aufgenommen wurde das ganze in Paris und Amsterdam,
zwei bewährten Treffpunkten derer, die nach inspirierenden Kontakten und der
Leichtigkeit des Seins suchen...
Mein persönliches Lieblingslied ist
„Ana“: mit unvergleichlicher Behutsamkeit läßt sich das Klavier
auf Syllas traditionell anmutenden afrikanischen Gesang ein, der mit
seinem emotional reich schattierten
Tonfall ein ganze Lebensgeschichte zu erzählen scheint: so innig begleitete
sonst nur Nina Simone -sich selbst-. Hier hingegen erschließt sich
eine tiefe Vertrautheit zwischen Fremdem.
Beim Reinhörtipp "Pitchendebin" hingegen kann man auf schwungvolle Weise miterleben, wie (viel)stimmig und stimmungsvoll sich hier die
Kulturen begegnen: afrikanische Chants im Erzählton, tuvanische
Kehlklänge, die sowohl aus tiefsten Tiefen heraufschnarren als
auch in den höchsten Höhen des Obertonspektrums körperlos ihre
Kreise ziehen, dazu filigrane Klavierimprovisationen auf der
groovenden Basis des Kontrabasses: fremdartig und doch voll mitreißender Zugänglichkeit. Auch an nahezu clownesken Ansätzen fehlt es auf diesem
Konzertmitschnitt nicht: kleine Duette z.B. zwischen Maultrommel und
verfremdetem Akkordeon,wie das Spiel zweier Tiere, die sich zum
ersten Mal begegnen. Auf großzügigen 72 Minuten Gesamtspielzeit
sind hier vielfache Entdeckungen möglich!
Meine Freundschaft zu „Vershki da
Koreshki“ wurzelt in einer Second-Hand-Ausgrabung vor fast 15
Jahren; wie erfreulich, daß sich dieses Album heutzutage übers
Internet problemlos auch vor anderen Interessierten aufblättern
kann: Viel Vergnügen und wohl bekomm's!
Endlich hab ich mir Zeit für deine außergewöhnlichen Musikrezepte genommen. Schön, dass du deine Second-Hand CD-Sammlung ab von jeglichem Mainstream vorstellst. Kein Eintopf, sondern Ente. Ich habe viel gelernt, nicht nur, weil ich das meiste, was du bis jetzt rezensiert hast, überhaupt nicht kannte. Ich spüre in jedem Satz deine Begeisterung für die Schönheit der Musik. Es macht richtig Spaß, von deinen Entdeckungen zu lesen und ich bin schon gespannt, was du als nächstes aussuchen wirst. Außerdem habe ich jetzt eine tolle Geschenk-Idee für einen Freund von mir: Elina Duni wird auch er lieben.
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