Sonntag, 18. Januar 2015

Sternstunde

Produkt-Information

Giacomo Puccini: Tosca


mit Angela Gheorghiu, Roberto Alagna, Ruggero Raimondi u.a.
Chor und Orchester des Royal Opera House, Covent Garden
Antonio Pappano

Doppel-CD, EMI Classical, 2001

Letzten Donnerstag, 15. Januar, ca. 22:30, Berlin Charlottenburg. Eine Hinrichtung. Die Soldaten legen an, die Schüsse knallen ohrenbetäubend und fast synchron, der Verurteilte, ein politischer Häftling, fällt. Während die Soldaten wieder abziehen, klingt ihr Marsch milde, fast versöhnlich. Die schöne, junge Frau neben dem am Boden Liegenden weiß, daß sie sich keine Sorgen machen muß: ihr Geliebter wurde nur zum Schein hingerichtet, das hat ihr der bestechliche, lüsterne Polizeichef fest zugesagt. Den Passierschein für die gemeinsame Flucht trägt sie bei sich. Als endlich Stille eingekehrt ist, ruft sie mit leiser, fast mädchenhaft heller Stimme zum Aufbruch auf. Da überfällt sie -mit dem plötzlichen Aufbäumen des gesamten Orchesters- die schreckliche Erkenntnis, daß sie betrogen wurde: Der Geliebte ist tot!

Für mich ist „Tosca“ die ideale Oper überhaupt: spannend bis zur letzten Sekunde, ausgewogen und fasslich in seinen Proportionen (mit 3 Akten à max. 45 min), und vor allem voller berührender, mitreißender Motive und Melodien, die das Publikum so plastisch und greifbar durch das Stück begleiten, daß man sich des Mitfühlens und -fieberns wahrlich nicht entziehen kann. Entgegen der Praxis, Opern-Neulinge in die „Zauberflöte“ zu schicken (die von so manchem unvertrauten Hörer dann doch als zu „künstlich“ oder „lieblich“ erlebt wird), möchte ich Tosca (zumindest ab einem Alter von 12) unbedingt als Einstiegsdroge empfehlen: denn diese dem italienischen Verismo (von lat. „wahr“) zuzuordnende Oper bleibt nah an der unmittelbaren Gefühlssprache und -dichte, die wir von vergleichbaren Liebes- und Historiendramen auf der Kino-Leinwand kennen. Nicht umsonst haben sich so manche Film- und Musicalkomponisten auch stilistisch immer wieder an Puccini orientiert,- ohne ihn natürlich je zu erreichen.

Fragt man nach exemplarischen Aufnahmen, so wird man seit Jahrzehnten fast ausschließlich auf Maria Callas verwiesen. Mit Recht, denn ihre emotionale Präsenz als leidenschaftlich (und leider zu eifersüchtig) liebenden Sängerin Floria Tosca ist quasi vergleichslos. Dennoch neige ich dazu, im Wahl-Fall der „schöneren“ Stimme den Vorzug zu geben, und das führt mich (nicht nur) hier zu Andrea Gheorghiu, der rumänischen Sopranistin mit dem wunderbar warmen, leuchtenden Timbre. Hören Sie doch mal ihre hingebungsvolle Widmung an die Kunst und an die Liebe: "Vissi d'arte". Als Liebhaber Caravadossi an ihrer Seite: ihr damaliger Ehemann Roberto Alagna, auch er ein weltweit gefeierter, wirklich italienisch klingender Tenor, mit der für Puccini notwendigen Strahlkraft. Da funkeln wahrlich die Sterne, wenn er im Angesichts des Nachthimmels Abschied von seiner Liebe nimmt: "E lucevan le stelle" Und in der hinreißend fiesen Rolle des Widersachers Scarpia seht ihnen mit Ruggero Raimondi einer der markantesten, solidesten Baß-Stimmen der italienischen Oper zur Seite. Großartig seine Szene "Va, Tosca", in der er, umgeben von Kirchenglocken und dem liturgischen Gesang des "Te Deums", getragen von dem sich immer machtvoller und bedrohlicher auftürmenden Orchester, seinen körperlichen Gelüsten gegenüber der Protagonisten Ausdruck verleiht.

Da alle drei Bühnenstars in der Lage sind, ihre Rollen auch optisch vollkommen glaubwürdig zu verkörpern, war die Entscheidung naheliegend, diese Studioaufnahme (wie in den Ausschnitten zu sehen) auch als Opern-Film auf den Markt zu bringen. Ich erinnere mich an eine Fernseh-Ausstrahlung, und daran, daß mir die synchron nachgestellte Ästhetik auf Dauer zu klinisch erschien und sich außerdem der Eindruck erneuerte, daß Operngesang nicht unbedingt von ständigen Nahaufnahmen profitiert. Deshalb würde ich an Ihner Stelle eher nach dem rein akustischen „Soundtrack“ greifen und auf das Austeigen innerer Bilder vertrauen. Und diese werden aufstrahlen,- sternenklar.

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