Giacomo Puccini: Tosca
mit Angela Gheorghiu, Roberto Alagna, Ruggero Raimondi u.a.
Chor und Orchester des Royal Opera House, Covent Garden
Antonio Pappano
Doppel-CD, EMI Classical, 2001
Letzten Donnerstag, 15. Januar, ca. 22:30, Berlin Charlottenburg. Eine Hinrichtung. Die Soldaten legen an, die Schüsse knallen ohrenbetäubend und fast synchron, der Verurteilte, ein politischer Häftling, fällt. Während die Soldaten wieder abziehen, klingt ihr Marsch milde, fast versöhnlich. Die schöne, junge Frau neben dem am Boden Liegenden weiß, daß sie sich keine Sorgen machen muß: ihr Geliebter wurde nur zum Schein hingerichtet, das hat ihr der bestechliche, lüsterne Polizeichef fest zugesagt. Den Passierschein für die gemeinsame Flucht trägt sie bei sich. Als endlich Stille eingekehrt ist, ruft sie mit leiser, fast mädchenhaft heller Stimme zum Aufbruch auf. Da überfällt sie -mit dem plötzlichen Aufbäumen des gesamten Orchesters- die schreckliche Erkenntnis, daß sie betrogen wurde: Der Geliebte ist tot!
Für mich ist „Tosca“ die ideale Oper überhaupt: spannend bis zur letzten Sekunde, ausgewogen und fasslich in seinen Proportionen (mit 3 Akten à max. 45 min), und vor allem voller berührender,
mitreißender Motive und Melodien, die das Publikum so plastisch und
greifbar durch das Stück begleiten, daß man sich des Mitfühlens
und -fieberns wahrlich nicht entziehen kann. Entgegen der Praxis,
Opern-Neulinge in die „Zauberflöte“ zu schicken (die von so manchem
unvertrauten Hörer dann doch als zu „künstlich“ oder „lieblich“
erlebt wird), möchte ich Tosca (zumindest ab einem Alter von 12)
unbedingt als Einstiegsdroge empfehlen: denn diese dem
italienischen Verismo (von lat. „wahr“) zuzuordnende Oper bleibt
nah an der unmittelbaren Gefühlssprache und -dichte, die wir von
vergleichbaren Liebes- und Historiendramen auf der Kino-Leinwand kennen.
Nicht umsonst haben sich so manche Film- und Musicalkomponisten auch
stilistisch immer wieder an Puccini orientiert,- ohne ihn natürlich
je zu erreichen.
Fragt man nach exemplarischen
Aufnahmen, so wird man seit Jahrzehnten fast ausschließlich auf
Maria Callas verwiesen. Mit Recht, denn ihre emotionale Präsenz als
leidenschaftlich (und leider zu eifersüchtig) liebenden Sängerin
Floria Tosca ist quasi vergleichslos. Dennoch neige ich dazu, im Wahl-Fall der „schöneren“ Stimme den Vorzug zu geben, und
das führt mich (nicht nur) hier zu Andrea Gheorghiu, der rumänischen Sopranistin mit dem wunderbar warmen, leuchtenden Timbre. Hören Sie doch mal ihre hingebungsvolle Widmung an die Kunst und an
die Liebe: "Vissi d'arte". Als Liebhaber Caravadossi an ihrer Seite: ihr
damaliger Ehemann Roberto Alagna, auch er ein weltweit gefeierter, wirklich
italienisch klingender Tenor, mit der für Puccini notwendigen
Strahlkraft. Da funkeln wahrlich die Sterne, wenn er im Angesichts
des Nachthimmels Abschied von seiner Liebe nimmt: "E lucevan le stelle" Und in der hinreißend
fiesen Rolle des Widersachers Scarpia seht ihnen mit Ruggero
Raimondi einer der markantesten, solidesten Baß-Stimmen der
italienischen Oper zur Seite. Großartig seine Szene "Va, Tosca", in der er, umgeben von Kirchenglocken und dem liturgischen Gesang des "Te Deums", getragen von dem sich immer machtvoller und bedrohlicher auftürmenden Orchester, seinen körperlichen Gelüsten gegenüber der Protagonisten Ausdruck verleiht.
Da alle drei Bühnenstars in der Lage
sind, ihre Rollen auch optisch vollkommen glaubwürdig zu verkörpern,
war die Entscheidung naheliegend, diese Studioaufnahme (wie in den Ausschnitten zu sehen) auch als
Opern-Film auf den Markt zu bringen. Ich erinnere mich an eine
Fernseh-Ausstrahlung, und daran, daß mir die synchron nachgestellte
Ästhetik auf Dauer zu klinisch erschien und sich außerdem
der Eindruck erneuerte, daß Operngesang nicht unbedingt von
ständigen Nahaufnahmen profitiert. Deshalb würde ich an Ihner Stelle eher nach dem
rein akustischen „Soundtrack“ greifen und auf das Austeigen
innerer Bilder vertrauen. Und diese werden aufstrahlen,- sternenklar.
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