Frank Martin:
Messe für zwei vierstimmige Chöre
Dresdner Kammerchor,
Hans-Christoph Rademann
RAUMKLANG 1997
Unlängst war ich in der Schweiz. Schon
ein schönes Land, wenn's nur nicht so teuer wär. Wie erhebend aber der Blick
herab von den Bergen …
Wenn ich mich frage, was denn die
Schweizer Musik an Höhen zu bieten hat, fallen mir vor allem Chöre
ein.
Erstens, weil ich vor vielen Jahren mal
einen Chorleiterkurs in St. Moritz mitgemacht habe: Wandern, Singen,
Dirigieren: eine ideale Mischung aus Hochnatur und Hochkultur.
Zweitens, weil ich mich an eine Szene
an der italienischen Riviera erinnere: eine hochbetagte Schweizer
Wandergruppe macht Rast am Strand, die Hälfte wirft sich in die
Wellen, die andere Hälfte bleibt am Hang bei den Rucksäcken, und
alle zusammen schmettern sie mehrstimmige Volkslieder in die Landschaft. Ein paar italienische Familien applaudieren zwischen ihren Schwimmzügen.
Eine gelungene Mischung aus Lebenslust und Lärmbelästigung.
Drittens, weil mein Lieblingsstück aus
Schweizer Komponistenfeder ein Chorstück ist: Die Messe für zwei vierstimmige Chöre a capella von Frank Martin.
„Messe“ heißt: es handelt sich
hier um die originalen lateinischen Texte des katholischen
Gottesdienstes. All jenen, denen diese zu vertraut und alltäglich
erscheinen, und jenen, die mit der Kirche nichts am Hut haben, möchte
ich zurufen: Wenn jemand die alten Texte auf eine so persönliche,
intime, unkonventionelle Weise ausleuchtet, wie Martin das tut,
müssen institutionelle Bedenken schnell keine Rolle mehr spielen.
Denn uns erwartet weder ein konventionsbetonter liturgischer Reigen, noch ein repräsentatives Trompetenfest.
Vielmehr herrschen hier zarte Töne, abgedunkelte Klänge,
verinnerlichtes Lauschen vor. Umso erhebender dann die Momente, in
denen der Himmel aufreißt und ein leuchtendes „Heilig“
hervorbricht. Obwohl das Stück 1922 entstand, wo andererorts 12-Ton-Cluster
und andere Schrägheiten erprobt wurden, kann es auch unvertraute Klassik-Hörer durch seine feine, sehr farbige, herzerwärmende Harmonik schnell für sich einnehmen.
„Für zwei vierstimmige Chöre“ heißt: nicht nur ein Chor ist zu hören, sondern gleich zwei derselben Sorte,
nebeneinander oder gegenüber aufgestellt. Sie türmen sich klanglich
aufeinander, fallen sich ins Wort, potenzieren sich, umfassen und
begleiten sich. Das ermöglicht Vielfalt und Intensität
gleichermaßen und stellt den Zuhörer in einen umhüllenden Klang-Raum.
„a Capella“ heißt: unbegleitet,
ohne Instrumente, Stimme pur, anknüpfend an die Zeit, in der die
textbetonte geistliche Vokalmusik und die weltliche, höfische
Instrumentalmusik noch streng voneinander getrennt waren. Allerdings
hier nicht, um einem überholten Prinzip zu gehorchen, sondern um zur
Stille und Intimität des Anfangs zurückzukehren. Dies läßt sich
auch an den diversen gregorianischen Anklängen heraushören, die
hier romantisch eingefärbt erklingen, ohne jede Eso-Assoziationen
populärer "Enigma"-Lesart. So in dem in der Einsamkeit beginnenden Kyrie ("Erbarme Dich"), in der wolkigen Leichtigkeit des Sanctus ("Heilig"), in dem meditativen Aufblühen des Agnus Dei (Lamm Gottes): eine Kathedrale aus Stimmen.
Frank Martin, dessen Namen man (als
französischen Schweizer) übrigens ähnlich wie „matin“ (Morgen)
ausspricht, hatte nie die Ambitionen, sein Chorwerk in die Nähe der
großen Messen von Bach, Mozart, Beethoven u.a. gerückt zu sehen.
Vielmehr hielt er seine Messvertonung sorgfältig unter Verschluß,
entzog sie einer Veröffentlichung, verstand sie als ein Geheimnis
zwischen ihm und dem lieben Gott allein. Dankbar können wir sein,
daß ein Kantor aus Hamburg dieses Werk 40 Jahre später doch in einem Katalog aufspürte und somit Sängern wie Hörern ein
Werk schenkte, das mit den uralten überlieferten Worten die ganz
persönlichen Dinge des Glaubens abzubilden imstande ist. Für mich
einer der wenig erforschten, einsamen Gipfel der geistlichen
Chormusik.
Für die meisten Laienchöre ist dieses
Werk in seiner klanglichen und harmonischen Komplexität
unbezwingbar. Unter den Kammer- und Konzertchören jedoch haben sich
die Schönheiten der Martinschen Klanglandschaft mittlerweile
herumgesprochen, gerade in den letzten 10 Jahren sind einige
Aufnahmen namhafter Ensembles herausgekommen. Die Aufnahme, mit der
ich bislang am wärmsten geworden bin, stammt jedoch noch aus den 90ern und ist jene des Dresdner
Kammerchores unter Rademann. Dieser Dirigent, der mittlerweile die
Leitung von zwei der traditionsreichsten Chöre Deutschlands (dem
RIAS Kammerchor Berlin und der Gächinger Kantorei Stuttgart)
innehat, erschafft auch hier einen Chorklang, der zeitgemäß
vibratoarm und transparent ist, ohne Wärme und Farbigkeit zu
entbehren. Und die Beigaben mit Motetten von Schein, Bruckner, Reger und Schönberg sind auch alles andere als eine Talfahrt.
Erhabenheit und weiter Blick
allerorten, halleluja!
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen