Sonntag, 15. Februar 2015

Am Gipfelkreuz

Produkt-InformationFrank Martin:

Messe für zwei vierstimmige Chöre


Dresdner Kammerchor,
Hans-Christoph Rademann

RAUMKLANG 1997


Unlängst war ich in der Schweiz. Schon ein schönes Land, wenn's nur nicht so teuer wär. Wie erhebend aber der Blick herab von den Bergen …

Wenn ich mich frage, was denn die Schweizer Musik an Höhen zu bieten hat, fallen mir vor allem Chöre ein.
Erstens, weil ich vor vielen Jahren mal einen Chorleiterkurs in St. Moritz mitgemacht habe: Wandern, Singen, Dirigieren: eine ideale Mischung aus Hochnatur und Hochkultur.

Zweitens, weil ich mich an eine Szene an der italienischen Riviera erinnere: eine hochbetagte Schweizer Wandergruppe macht Rast am Strand, die Hälfte wirft sich in die Wellen, die andere Hälfte bleibt am Hang bei den Rucksäcken, und alle zusammen schmettern sie mehrstimmige Volkslieder in die Landschaft. Ein paar italienische Familien applaudieren zwischen ihren Schwimmzügen. Eine gelungene Mischung aus Lebenslust und Lärmbelästigung.

Drittens, weil mein Lieblingsstück aus Schweizer Komponistenfeder ein Chorstück ist: Die Messe für zwei vierstimmige Chöre a capella von Frank Martin.

„Messe“ heißt: es handelt sich hier um die originalen lateinischen Texte des katholischen Gottesdienstes. All jenen, denen diese zu vertraut und alltäglich erscheinen, und jenen, die mit der Kirche nichts am Hut haben, möchte ich zurufen: Wenn jemand die alten Texte auf eine so persönliche, intime, unkonventionelle Weise ausleuchtet, wie Martin das tut, müssen institutionelle Bedenken schnell keine Rolle mehr spielen.

Denn uns erwartet weder ein konventionsbetonter liturgischer Reigen, noch ein repräsentatives Trompetenfest. Vielmehr herrschen hier zarte Töne, abgedunkelte Klänge, verinnerlichtes Lauschen vor. Umso erhebender dann die Momente, in denen der Himmel aufreißt und ein leuchtendes „Heilig“ hervorbricht. Obwohl das Stück 1922 entstand, wo andererorts 12-Ton-Cluster und andere Schrägheiten erprobt wurden, kann es auch unvertraute Klassik-Hörer durch seine feine, sehr farbige, herzerwärmende Harmonik schnell für sich einnehmen.

„Für zwei vierstimmige Chöre“ heißt: nicht nur ein Chor ist zu hören, sondern gleich zwei derselben Sorte, nebeneinander oder gegenüber aufgestellt. Sie türmen sich klanglich aufeinander, fallen sich ins Wort, potenzieren sich, umfassen und begleiten sich. Das ermöglicht Vielfalt und Intensität gleichermaßen und stellt den Zuhörer in einen umhüllenden Klang-Raum.

„a Capella“ heißt: unbegleitet, ohne Instrumente, Stimme pur, anknüpfend an die Zeit, in der die textbetonte geistliche Vokalmusik und die weltliche, höfische Instrumentalmusik noch streng voneinander getrennt waren. Allerdings hier nicht, um einem überholten Prinzip zu gehorchen, sondern um zur Stille und Intimität des Anfangs zurückzukehren. Dies läßt sich auch an den diversen gregorianischen Anklängen heraushören, die hier romantisch eingefärbt erklingen, ohne jede Eso-Assoziationen populärer "Enigma"-Lesart. So in dem in der Einsamkeit beginnenden Kyrie ("Erbarme Dich"), in der wolkigen Leichtigkeit des Sanctus ("Heilig"), in dem meditativen Aufblühen des Agnus Dei (Lamm Gottes): eine Kathedrale aus Stimmen.

Frank Martin, dessen Namen man (als französischen Schweizer) übrigens ähnlich wie „matin“ (Morgen) ausspricht, hatte nie die Ambitionen, sein Chorwerk in die Nähe der großen Messen von Bach, Mozart, Beethoven u.a. gerückt zu sehen. Vielmehr hielt er seine Messvertonung sorgfältig unter Verschluß, entzog sie einer Veröffentlichung, verstand sie als ein Geheimnis zwischen ihm und dem lieben Gott allein. Dankbar können wir sein, daß ein Kantor aus Hamburg dieses Werk 40 Jahre später doch in einem Katalog aufspürte und somit Sängern wie Hörern ein Werk schenkte, das mit den uralten überlieferten Worten die ganz persönlichen Dinge des Glaubens abzubilden imstande ist. Für mich einer der wenig erforschten, einsamen Gipfel der geistlichen Chormusik.

Für die meisten Laienchöre ist dieses Werk in seiner klanglichen und harmonischen Komplexität unbezwingbar. Unter den Kammer- und Konzertchören jedoch haben sich die Schönheiten der Martinschen Klanglandschaft mittlerweile herumgesprochen, gerade in den letzten 10 Jahren sind einige Aufnahmen namhafter Ensembles herausgekommen. Die Aufnahme, mit der ich bislang am wärmsten geworden bin, stammt jedoch noch aus den 90ern und ist jene des Dresdner Kammerchores unter Rademann. Dieser Dirigent, der mittlerweile die Leitung von zwei der traditionsreichsten Chöre Deutschlands (dem RIAS Kammerchor Berlin und der Gächinger Kantorei Stuttgart) innehat, erschafft auch hier einen Chorklang, der zeitgemäß vibratoarm und transparent ist, ohne Wärme und Farbigkeit zu entbehren. Und die Beigaben mit Motetten von Schein, Bruckner, Reger und Schönberg sind auch alles andere als eine Talfahrt.
Erhabenheit und weiter Blick allerorten, halleluja!



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