Angela Winkler:
Ich liebe Dich kann ich nicht sagen
Trocadero Records, 2011
Auf der Suche nach etwas, das mit
Karneval zu tun hat, ohne Kölscher Schlager oder Samba zu sein,
lande ich in Düsseldorf, im Februar des Jahres 1975, genau vor
40 Jahren. Auf der Kostümparty ihrer Patentante tanzt eine junge
Frau namens Katharina mit einem ihr unbekannten Gast, verliebt sich,
verschwindet mit ihm, lässt ihn verschwinden. Daß er ein
polizeilich gesuchter „Anarchist“ ist, stört sie nicht, sie
liebt ihn. Verstörend ist allerdings das, was dann passiert: ihre
Demontage durch die polizeilichen Vernehmungstaktiken und die
Berichterstattung der Boulevardpresse. Am Ende bleibt Entwürdigung,
Entmenschlichung, und eine sarkastische Schlußhymne auf die Freiheit
der Presse unter dem Beifall derer, die ihren Kopf aus der Schlinge kaufen konnten. Keine Kost zum Mitschunkeln.
Als Hauptdarstellerin in Schlöndorffs
Böll-Verfilmung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ wurde
Angela Winkler weltberühmt. Mit schonungsloser Eindringlichkeit läßt
sie ohne viele Worte, ohne großen Gesten in sich hineinblicken und
offenbart den Prozess eines inneren Zerfalls. Naivität, Hingabe,
Aufrichtigkeit, Stolz, Schock, Abscheu,Verzweiflung, Zorn, Leere:
alles wird glaubhaft mitfühlbar.
Auch später sind es immer wieder die
verletzlichen, brüchigen bis durch-brüchigen Frauengestalten, die
ihr besonders gut zu Gesichte stehen: Grass' fischfettsüchtige
Mutter Matzerath, Highsmith's in der Scheinwelt ihres Tagebuchs
gefangene Edith, die gattenmordende Schygulla-Geliebte Ruth in von
Trotta's „Heller Wahn“. Verbindend bleibt das tiefe Eintauchen in
die Rolle – und das Faszinosum der Frage: wieviel Angela steckt da
in Katharina, in Ruth, in Edith?
2011 veröffentlichte sie im Alter von 67 Jahren ihre
erste Schallplatte als Sängerin. Hier zeigt sie nun
die ganze Bandbreite, die widerum in ihr steckt. Nicht im
Sinne der neuen Schauspieler-Mode, Popularität auch
sängerisch in blanke Münze umzuwandeln, nicht um zu zeigen: das
kann ich übrigens auch. Auch die Auswahl der Lieder deutet nicht auf Markt-Tauglichkeit hin, vielmehr, ganz winkler-typisch: auf einen
Blick nach Innen.
Zunächst fällt die Vielseitigkeit des
Repertoires auf. Brecht (wunderbar verwundbar: "Marie A." live bei youtube) und
Hollaender verwundern nicht wirklich angesichts ihrer engen
Verbindung zum Berliner Ensemble. Auch deutsche Fassungen
französischer Chansons nach Barbara, Piaf u.a. passen ins Bild. Daß
sie allerdings auch bei aktuellen Liedpoeten wie Sven Regener und Sophie Hunger
fündig geworden ist, beweist ihre unschematische Aufgeschlossenheit. Und mit dem „Heideröslein“ von
Schubert und "Allerseelen" nach Hermann von Gilm sind schließlich sogar Klassiker dabei,- nicht etwa, um auf ihre
professionelle Stimmbildung hinzuweisen (die sie ohne Frage genossen
hat), sondern weil auch diese Wurzeln zu ihr gehören. Nicht eine Modenschau der
Stile, ein Wechseln von Masken und Kostümen ist da zu bewundern,
sondern ein ungeschminktes Beleuchten verschiedener Facetten des
menschlichen Empfindens und Seins. Naivität, Hingabe,
Aufrichtigkeit...: das ganze Spektrum.
Daß dieses Portrait so
plüschfrei ehrlich gelingt, ist nicht zuletzt auch dem
Fingerspitzengefühl des versierten Theaterpianisten Adam Benzwi (und
den dezenten Farbtupfern von Geige, Akkordeon und Baß) zu danken.
Besonders beeindruckend ist allerdings die Jugendlichkeit der
Gesangsstimme: schlank, leicht, hell, mehr trällerndes Mädchen als
lebensgesättigte Diseuse. Auch dadurch weht auch hier der
winkler-typische Hauch von Irritation, von Rätsel,- was der
Intensität ihrer Kunst jedoch alles andere als abträglich ist.
Und ob das, was dann aus dem
Lautsprecher singt, säuselt, flüstert, das Aufblitzen von Splittern
einer brüchigen Seele oder von blank geschliffenen Seiten eines
Edelsteins ist, möge jeder Hörer selbst entscheiden. Im besten
Falle ist es beides zugleich.
Ein schönes, interessantes, kleines Frauenportrait hast Du da geschrieben. Ich bin jetzt neugierig auf Angela Winkler und möchte unbedingt in die Musik reinhören und den Film "Heller Wahn" anschauen.
AntwortenLöschenSchön, wie Du es schaffst die Vielschichtigkeit der Frau in so einen kurzen Text aufleuchten zu lassen!