Björk: Unplugged
MTV 1994, div. Verlage
Eine Frage: Verzichten Sie gerne? Und wenn nein, tun Sie es
trotzdem manchmal? Und wenn ja, auf was? Auf die Sahne auf dem Kuchen, auf das
Popcorn im Kino, auf das Carne im Chili?
Mit dem Aschermittwoch hat gerade ja die Fastenzeit
begonnen. Manche machen jetzt sieben Wochen ohne: mal gucken, ob oder wie lange
man auskommt – ohne Süßes, Prozentiges, Verrauchtes. Weniger ist mehr, heißt es
ja so häufig, stimmen tut das durchaus nicht immer. Aber manchmal.
Auch in der Musik gibt es immer mal wieder Wellen der
Zurückhaltung. „Wir brauchen das alles nicht,“ sagt man zum Beispiel – und
rauskommen tut etwas, das man „unplugged“ nennt: mal auf alle elektronischen
Effekte, Weichmacher, Vergrößerer verzichten und zurückkehren zu den
traditionellen akustischen Instrumenten. Beachtlich ist, dass sich gerade der
kommerzielle Musik-Clip-Sender MTV seinerzeit (d.h. ab Ende der 80er) für
dieses musikalische Fasten-Programm stark gemacht und in lockerer Folge einer
Vielzahl solcher Projekte live produziert hat. Die Teilnehmer dieser Konzertreihe
lesen sich wie das Who-is-who der internationalen Popgegenwart. Manche Livemitschnitte
konnten sich auch auf dem CD-Markt gut behaupten: Eric Clapton’s Album
„Unplugged“ ist legendär, aber auch Rod Stewart, Herbert Grönemeyer, Die Fantastischen
Vier und viele andere haben dank MTV ihre Discographie auch langfristig
bereichert.
Fasten kann neue Energien freisetzen, Not macht
erfinderisch. Am besten lässt sich das bei einer Künstlerin beobachten, die
auch sonst nicht gerade unkreativ ist: bei der isländischen Sängerin Björk.
„Unplugged“ heißt für sie nicht einfach, Keyboards durch Klavier oder Akkordeon
zu ersetzen und elektrische Gitarre durch akustische. Björk stellt alles auf
den Kopf, was man sonst aus der Popmusik gewohnt ist. Sie, die sonst gerne mal zum
dicken Sound und zur großen Geste greift, schnürt ihren Liedern (1 Jahr nach ihrem ersten Soloalbum "Debut") hier ein
ganz anderes, kammermusikalisches Gewand.
Was für eine großartige Idee, die elektronischen
Klangschwaden von "One Day“ durch ein indonesisches Gamelan-Orchester zu
ersetzen. Die sphärischen Klänge von „Come to me“ hingegen entstammen dem
Anreiben gefüllter Wassergläsern, begleitet und umspielt durch die barocke Friedrich-der-Große-Kombination
von Querflöte und Cembalo und rhythmisch unterfüttert durch indische Tablas
(die in den meisten Stücken des Albums die herkömmlichen Electro- oder
Schlagzeugbeats ersetzen). Auf „Aeroplane“ ist es ein Saxophon-Trio, das die
Syntheziser-Stimmen übernimmt, und dabei in so diffuser, kunstvoller Polyphonie
daherkommt, dass man sich in einem Konzert für neue Musik wähnt: bis dann das afrikanisch
anmutende, perlende Marimbaphon einsetzt. Fast noch beeindruckender finde ich jedoch effektarme Stücke wie „Big time sensuality“, in der Björk beweist, dass man für
einen Groove kaum mehr als eine Handvoll Töne auf einer Truhenorgel benötigt (ein
Instrument, mit dem sonst Kirchenchoräle und Chorkonzerte begleitet werden):
Weniger geht kaum.
Die Sängerin selbst, mit einem Ebenso-Wenig aus zitronengelbem
Kleidchen umhüllt, hüpft zwischen dem bizarren Instrumentarium hin und her wie
Alice im Wunderland, geht stimmlich in die Vollen (wie das so ihre Art ist) und
hat alles sichtlich voll im Griff. Große Kunst, finde ich.
Sich das ganze Konzert auf DVD anzusehen, lohnt sich also,
zumal die CD-Ausgabe pekuniär deutlich tiefer in die Tasche greifen lässt.
Preislich ist das leider kein Vergleich zu Björks herkömmlichen
Studio-Produktionen, die mittlerweile allesamt als Schnäppchen zu haben sind.
Fasten muß man sich halt leisten können.
Ist das Weltmusik: ein bißchen Indien, ein bißchen mehr Jan Garbarek und alles in zitrone gequetscht?
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