Freitag, 6. Februar 2015

Ohne Maske

Produkt-InformationAngela Winkler:

Ich liebe Dich kann ich nicht sagen


Trocadero Records, 2011


 
Auf der Suche nach etwas, das mit Karneval zu tun hat, ohne Kölscher Schlager oder Samba zu sein, lande ich in Düsseldorf, im Februar des Jahres 1975, genau vor 40 Jahren. Auf der Kostümparty ihrer Patentante tanzt eine junge Frau namens Katharina mit einem ihr unbekannten Gast, verliebt sich, verschwindet mit ihm, lässt ihn verschwinden. Daß er ein polizeilich gesuchter „Anarchist“ ist, stört sie nicht, sie liebt ihn. Verstörend ist allerdings das, was dann passiert: ihre Demontage durch die polizeilichen Vernehmungstaktiken und die Berichterstattung der Boulevardpresse. Am Ende bleibt Entwürdigung, Entmenschlichung, und eine sarkastische Schlußhymne auf die Freiheit der Presse unter dem Beifall derer, die ihren Kopf aus der Schlinge kaufen konnten. Keine Kost zum Mitschunkeln.

Als Hauptdarstellerin in Schlöndorffs Böll-Verfilmung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ wurde Angela Winkler weltberühmt. Mit schonungsloser Eindringlichkeit läßt sie ohne viele Worte, ohne großen Gesten in sich hineinblicken und offenbart den Prozess eines inneren Zerfalls. Naivität, Hingabe, Aufrichtigkeit, Stolz, Schock, Abscheu,Verzweiflung, Zorn, Leere: alles wird glaubhaft mitfühlbar. 

Auch später sind es immer wieder die verletzlichen, brüchigen bis durch-brüchigen Frauengestalten, die ihr besonders gut zu Gesichte stehen: Grass' fischfettsüchtige Mutter Matzerath, Highsmith's in der Scheinwelt ihres Tagebuchs gefangene Edith, die gattenmordende Schygulla-Geliebte Ruth in von Trotta's „Heller Wahn“. Verbindend bleibt das tiefe Eintauchen in die Rolle – und das Faszinosum der Frage: wieviel Angela steckt da in Katharina, in Ruth, in Edith?

2011 veröffentlichte sie im Alter von 67 Jahren ihre erste Schallplatte als Sängerin. Hier zeigt sie nun die ganze Bandbreite, die widerum in ihr steckt. Nicht im Sinne der neuen Schauspieler-Mode, Popularität auch sängerisch in blanke Münze umzuwandeln, nicht um zu zeigen: das kann ich übrigens auch. Auch die Auswahl der Lieder deutet nicht auf Markt-Tauglichkeit hin, vielmehr, ganz winkler-typisch: auf einen Blick nach Innen.

Zunächst fällt die Vielseitigkeit des Repertoires auf. Brecht (wunderbar verwundbar: "Marie A." live bei youtube) und Hollaender verwundern nicht wirklich angesichts ihrer engen Verbindung zum Berliner Ensemble. Auch deutsche Fassungen französischer Chansons nach Barbara, Piaf u.a. passen ins Bild. Daß sie allerdings auch bei aktuellen Liedpoeten wie Sven Regener und Sophie Hunger fündig geworden ist, beweist ihre unschematische Aufgeschlossenheit. Und mit dem „Heideröslein“ von Schubert und "Allerseelen" nach Hermann von Gilm sind schließlich sogar Klassiker dabei,- nicht etwa, um auf ihre professionelle Stimmbildung hinzuweisen (die sie ohne Frage genossen hat), sondern weil auch diese Wurzeln zu ihr gehören. Nicht eine Modenschau der Stile, ein Wechseln von Masken und Kostümen ist da zu bewundern, sondern ein ungeschminktes Beleuchten verschiedener Facetten des menschlichen Empfindens und Seins. Naivität, Hingabe, Aufrichtigkeit...: das ganze Spektrum. 

Daß dieses Portrait so plüschfrei ehrlich gelingt, ist nicht zuletzt auch dem Fingerspitzengefühl des versierten Theaterpianisten Adam Benzwi (und den dezenten Farbtupfern von Geige, Akkordeon und Baß) zu danken. Besonders beeindruckend ist allerdings die Jugendlichkeit der Gesangsstimme: schlank, leicht, hell, mehr trällerndes Mädchen als lebensgesättigte Diseuse. Auch dadurch weht auch hier der winkler-typische Hauch von Irritation, von Rätsel,- was der Intensität ihrer Kunst jedoch alles andere als abträglich ist.

Und ob das, was dann aus dem Lautsprecher singt, säuselt, flüstert, das Aufblitzen von Splittern einer brüchigen Seele oder von blank geschliffenen Seiten eines Edelsteins ist, möge jeder Hörer selbst entscheiden. Im besten Falle ist es beides zugleich.



1 Kommentar:

  1. Ein schönes, interessantes, kleines Frauenportrait hast Du da geschrieben. Ich bin jetzt neugierig auf Angela Winkler und möchte unbedingt in die Musik reinhören und den Film "Heller Wahn" anschauen.
    Schön, wie Du es schaffst die Vielschichtigkeit der Frau in so einen kurzen Text aufleuchten zu lassen!

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