Sonntag, 19. April 2015

Die Tribute von XXX Part 1

Produkt-Information Barbara Dickson:

Nothings's Gonna Change My World


The Songs of Lennon, McCartney and Harrison

Universal Music 2006

Wenn's schlecht läuft, ist es Trittbrettfahren oder gar Leichenfledderei; wenn's gut läuft ist es eine Art künstlerischer Verbeugung oder eine Neubelebung: Ich meine das Produzieren von sogenannten "Tribute"-Alben, in denen sich ein oder mehrere Musiker nach-schaffend mit dem Werk eines anderen Musikers auseinandersetzen. Ich mag sowas, bringt es doch neue Blickwinkel ein auf die (zumeist recht bekannten) Originalversionen, erzählt von den Vorlieben und Berührtheiten der Ausübenden - und sorgt für eine konzeptuelle Geschlossenheit des neuen Albums. Ich habe ein paar Tribut-Alben im Regal, und möchte heute Barbara Dickson vorstellen.

Kennengelernt habe ich sie über ihre beeindruckenden Beiträge zum Thema Musical: jeweils als "Seconda donna", als weibliche Nebenrolle, hat sie zwei der maßgeblichsten Konzeptalben dieses Genres, "Evita" und "Chess", mitgestaltet und bildet den hochgelobten Dreh-und Angelpunkt von "Blood Brothers". Weitere Stichproben aus ihrer Disographie ergaben für mich jedoch viel Durchwachsenes und Unentschlossenes: unzählige Compilationen mit immer wieder denselben Mischungen aus einfachen Popliedchen, groß angelegten Orchesterballaden und Cover-Versionen unterschiedlichsten Stils, die es mir sehr schwer machen, eine Art künstlerisches Selbstverständnis herauszuhören. Die Alben "The right moment" und "Here we go- live on Tour" beweisen im Detail, welche Tiefe ihre warme Altstimme in Pianoballaden, Folksongs und jazzigen Nummern aufzubringen vermag, aber die plötzliche Verflachung von Ausdruck und Atmosphäre in seichten Schlagern läßt auch hier ein nachvollziehbares Gesamtkonzept vermissen.

Dies ist nun (für den Liebhaber ihrer Stimme: endlich!) auf "Nothing's gonna change my world" gegeben: ein Konzeptalbum im klassischen Sinne, ausschließlich Songs von den Beatles gewidmet, damit (was die musikalische Substanz der Vorlagen angeht) qualitativ absolut auf der sicheren Seite, schlüssig und einheitlich. Gleichzeitig ist es Barbara Dickson und ihren Musikern hier zum ersten Mal gelungen, so etwas wie einen erkennbaren "eigenen Klang" und musikalischen Fingerabdruck zu entwickeln, der in jedem Song (fern einer bloßen Imitation oder Reproduktion der Originalsongs) einen persönlichen, neue Aspekte einbringenden Zugang spüren läßt.
Klanglich erinnert mich das sehr stark an die frühen Alben von Joni Mitchell. Im stark mandolinen-geprägten Opener "If I needed someone" klingt nicht nur die Instrumentalbesetzung und ihr fast countryartiger Drive, sondern auch die vokale Phrasierung - und selbst das hier etwas mechanisches Vibrato der Sängerin - wie Joni und Band auf "Blue" oder "Lady of the Canyon". Im Weiteren empfangen uns persönliche Erzählungen, intim vorgetragen, auf der Basis von gitarren- oder klavierorientierten, sich aus der Klangsprache des Folk speisenden Arrangements, zum Teil schwungvoll umspielt durch Mandoline oder Buzuki oder ins Elegische ausgeweitet durch die Beteiligung eines Streichqartetts.
Die Auswahl der Lieder ist, Barbara sei Dank, eine sehr persönliche, die es ohrenscheinlich vermeidet, eine bloße Ansammlung von Ohrwürmern zu sein. Vielmehr läd uns Barbara ein, das Werk der einflußreichsten Rockband aller Zeiten mit ihrer Brille zu durchforsten, das Material auf die Kompatibilität mit der Singer-Songwriter-Tradition und ihren Klangfarben hin zu prüfen, die flotten Rocksongs beiseite zu lassen und stattdessen auf einige Raritäten zu stoßen, die zumindest mir bislang noch nie aufgefallen waren. Oder sagt Ihnen zum Beispiel der Titel "Rain" etwas, der hier als eine wunderbar bescheidene Gitarrenballade mit countrytypischer vokaler Dreistimmigkeit im Refrain aufwartet? In "Eleanor Rigby" hingegen hat sich alle romantische Volltönigkeit in der Begleitung verflüchtigt, zugunsten der (unter anderem im irischen Folk gepflegten) Tradition, die Gesangsmelodie sich auf einem gleichbleibenden Baßton (genannt Orgelpunkt) frei entwickeln zu lassen: hier spürt man noch einmal besonders, was für großartige Melodiker die Beatles waren,- und daß vielen ihrer Schöpfungen eine volksliedartige Zeitlosigkeit innewohnt. Meine Lieblingslieder auf dieser Platte schließlich sind die "klassischen" Klavierballaden "I will" und "Good night": Diese kleinen, leisen Kostbarkeiten scheinen sich in der samtigen Altstimme Barbara Dicksons besser noch entfalten zu können als im Original.

Das einzige Manko: warum meint sich der musikalische Leiter Troy Donockley an fast allen Hauptinstrumenten selbst verdoppeln bis vervierfachen zu müssen (es gibt so tolle, charismatische Folkmusiker!) - und nimmt sich dabei selbst die Chance, ein spielerisch-kreatives Zusammenwirken aufkommen zu lassen? Neben aller Liebe und Feinheit im musikalischen Detail ist auch dieser Produktion leider eine gewisse Sterilität nicht abzusprechen, die sich bei genauem Hinhören (ähnlich wie beim Vorgänger-Album "Full circle") auch darin zeigt, daß sich die Stimme in der Abmischung nicht 100prozentig natürlich einpaßt: eigentlich ein technisches Detail, andererseits ein weiterer kleiner Zweifel an Frau Dicksons Ambitionen, sich für "wirkliche und echte" Musik einsetzen zu wollen.

Aber noch ist nicht aller Tage Abend: Ein weiteres, sehr gelungenes Tribute-Album ist mittlerweile ihrer Kehle entflossen. Aber das soll an einer anderen Stelle erzählt werden.

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