Rainer Bielfeldt: Sänger sein
Bielfeldt Records, 2006
Hallo Rainer;
ich möchte Dich an ein Versprechen erinnern: Du hast gesagt, daß Du schon genug neue Lieder für ein neues Album zusammen hast. Und daß Du auf jeden Fall „im kommenden Jahr...“ ein solches produzieren würdest, für alle Deine Fans. Das war im September 2012, glaube ich, und immer noch habe ich nichts von Dir gehört.
Nun, Du bist sicherlich viel beschäftigt, Du machst viele CDs für Kinder, und das Programm „Geliebte Lieder“ mit Tim Fischer scheint ja echt gut zu laufen, das werde ich mir im Herbst endlich mal live ansehen. Aber ehrlich gesagt ist mir ein Konzert mit Rainer pur prinzipiell lieber. Aber seltener zu haben, oder? Schon damals, bei Deiner ersten Aufnahme, die ich seinerzeit für zehn DM erwarb („Achim, Rainer und sonst kainer“ hieß die) haben mich Achims Beiträge eher genervt - und ich hätte mich gerne von Rainer zu Rainer gezappt,- wenn das bei einer Audio-Kassette nicht zu Bandsalat geführt hätte. Mit Gayle Tufts, Deiner prominenten Duo-Partnerin und ihren „denglishen“ Scherzen bin ich erst recht nicht warm geworden (zumindest nicht via CD). Ganz anders ging es mir mit Dir als Solokünstler: ein Mann, ein Klavier, das reicht. Wie damals auf dem Kirchentag in Bochum, wo Du als erster Künstler des Abends vor einem riesigen Auditorium von Leuten, die wegen Hans Jürgen Hufeisen und Gerhard Schöne gekommen waren, den Zauber Deiner Balladen ausgegossen hast: Liebeslieder mit Augenzwinkern und z.T. überraschend schwulen Pointen (das war „Nachtzug“, oder?). Und die berühmte Stecknadel hätte lautstark klimpern können nach der wuchtigen, kryptischen, schaurig-schönen musikalischen Legende „Tausend rote Pferde“, die Du, wie ich mich überzeugen konnte, noch heute mit ungeminderter Intensität darzubieten vermagst.
„Sänger sein“, Deine jüngste CD, enstpricht meinem puren, akustischen Idealbild am besten: ein satter Flügelsound, dezent umspielt von Johannes Gehlmann an der Gitarre und vor allem Thomas Keller an Akkordeon und Saxophon: Wunderbar, wie die singenden Töne des Sax dem Ganzen ein Mehr an Atmen und Blühen verleihen. Das, was auf der Bühne zu bezaubern vermag, funktioniert auch auf CD ganz prächtig. Ich danke Dir, daß Du hier auf Epianos, Synthie-Strings und alle anderen elekronischen Mätzchen verzichtet hast. Schließlich bist Du doch Klassiker! Natürlich, Deine Melodien sind eingängig und durchaus poptauglich, Dein raffinierter Klaviersatz jedoch verrät bestens genutzte Tonsatz-Kenntnisse. Und: Du bist ein Weltmeister der Modulation! So, wie Du in Zwischenspielen, Nebensätzen, von Gedanke zu Gedanke durch die Tonarten wanderst, welche Geheimgänge und Zaubertore Du da öffnest: das kennt im Liedermacher- und Songwriter-Genre keinen Vergleich. Mein größter Wunsch an Dich ist: Mach mal ein "klassisches Album", mit Flügel, Streichquartett und ein paar Bläsersolisten, wo Deine ganzen kompositorischen Finessen mal richtig herausgespielt werden können, wo auch Deine guten älteren Sachen (z.B. "Du gehst mir aus dem Sinn") in aller Kunst zur Geltung kommen können. (Diesen Wunsch hatte ich auch schon an Udo Jürgens richten wollen, der sich mit seinen klassischen Qualitäten stilistisch m.E. häufig "unter Wert" verkaufte, habe mich aber nicht an ihn rangetraut. Du, Rainer, aber, bist noch jung wie eh und je...)
Bielfeld pur, das ist ansonsten nicht ganz ohne. Nicht ganz ohne gute Laune, meine ich. „Wir haben auch flotte Lieder im Programm,“ sagtest Du ganz richtig auf dem Konzert, „eines im ersten und eines im zweiten Teil...!“ Melancholische Liebeslieder sind und bleiben einfach die Säulen Deines Sänger-Seins, genauer: Liebe, die in unterschiedlichem Maße mit Distanz gemischt ist. Unerfüllte Sehnsucht, Angst vor zu großer Nähe, der diffuse Klimawandel vor, während und nach einer Trennung, Lieder vom Abschied, in aller Plötzlichkeit oder auf Raten. Das könnte einseitig sein, ist es aber nicht, da weder die Sprache Deiner Melodien, noch die Deiner Texter klischeemäßig daherkommt: jede Szene, jede dargestellte Beziehung hat ihre eigenen Farben. Besonders gelungen finde ich, daß gerade das sinnlichste der Abschiedslieder ("Zum allerletzten Mal") mit einer vollkommen unerwarteten Beziehungskomponente aufwartet (welche, möchte ich hier natürlich nicht verraten...). Das versöhnliche "Gib auf Deine Seele acht" hingegen möchte ich allen melancholieempfänglichen ZuhörerInnen ganz besonders ans Herz legen: Schöner kann man sich nicht trennen! Du schreibst Deine Texte nicht selbst, was mich beim Zuhören jedoch immer wieder verwundert, so sehr werden sie Dein Eigen im Gespielt- und Gesungenwerden. Dabei ist es vollkommen nebensächlich, ob hier Frauen oder Männer für Frauen oder Männer gedichtet haben: die Gefühle kommen direkt, pur und allgemeinmenschlich rüber, hinterlassen den Hörer angeregt und berührt, wie nach einem intensiven, persönlichen Gespräch mit einem guten Freund.
Im Titellied "Sänger sein" singst Du zurückblickend von Freunden aus der Schulklasse und ihren Wegen im Leben, mit freundlicher Melancholie, wie das so Deine Art ist. Du, der Du schon immer "Sänger sein" wolltest, bist in dieser Geschichte der Einzige, der sich nicht im Auf und Ab des Kommens und Gehens, Verabschiedens und Widersehens, von seinen Träumen verabschieden musste. Möge sich das "Hallo" mit Dir - und vielen neuen Liedern - also möglichst bald wiederholen.
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