Richard Wagner: Tannhäuser
Placido Domingo,
Cheryl Studer, Agnes Baltsa, Barbara Bonney,
Andreas Schmidt, Matti Salminen, William Pell
Chor des Royal Opera House, Covent Garden
Philharmonia Orchestra
Giuseppe Sinopoli
Deutsche Grammophon 1989
Gibt es Musik, die zu groß ist für das heimische Wohnzimmer? Wenn ja, könnte unter anderem Wagner dazugehören. Sein Parsifal zum Beispiel, den ich heute abend im Opernhaus erleben durfte. Der erscheint mir zu tief, zu weit, zu umfassend, um ihn an- und auszuknipsen, rauf und runter-zu-regeln oder gar in ihm rumzuzappen.
Anders geht es mir mit seinem älteren Bruder Tannhäuser, einem seiner heldischen Vorgänger auf der Suche nach Erlösung: Der lädt viel mehr ein zum Rein- und Rauszoomen, zum Ausprobieren, zum Vergleichen,- einfach, weil er selbst viel zerrissener, ambivalenter ist. Ich persönlich habe eine lange Zeit gebraucht, bis ich mich mit Tannhäuser anfreunden konnte, und bis heute fällt mir keine weitere Oper ein, zu deren einzelnen Akten ich (in ihrer Stilistik wie Atmosphäre) ein so unterschiedliches Verhältnis besitze. Daß es nicht ganz fern liegt, im Tannhäuser (gerade in der überarbeiteten Pariser Fassung) ein Moment des Unausgegorenen, Unentschlossenen wahrzunehmen, bestätigt ja auch ein Blick auf Wagners eigenes Verhältnis zu seinem Werk und seine "Modernisierungsversuche",- ein Aspekt, der jedoch nur dann als ein Mangel erscheinen muß, wenn Interpretationsversuche genau daran scheitern, daß sie ihn zu negieren versuchen. Eine vollkommen einheitliche, eindeutige, einzige Sichtweise kann es also nicht geben, und so war auch meine Suche nach einer Lieblingsaufnahme genau so von Ambivalenzen und (Ab-)Brüchen geprägt, wie Tannhäusers Geschichte selbst (als Figur wie als Werk); zwei CD-Boxen habe ich bereits aus Unzufriedenheit weiterverkauft. Schließlich bin ich bei der Produktion gelandet, vor der in Fachkreisen am meisten gewarnt wird: bei Giuseppe Sinopoli.
Das Besondere, Erhellende an der Sinopoli-Aufnahme nämlich ist es, daß sich die Oper hier sehr plastisch in ihrer Zerissenheit präsentiert (ob gezieltermaßen oder ungewollt, vermag ich nicht zu beurteilen) und mir gerade dadurch neue Zugänge ermöglicht hat. Wer also nach einer Interpretation sucht, die als in sich geschlossenes Gesamtereignis den Wagnerschen Bühnen-Geist atmet (wie es zum Beispiel die Bayreuthschen Mitschnitte vom Böhm-Ring oder dem Knappertsbusch-Parsifal tun), der wird Sinopolis Tannhäuser nur verägert beiseite legen: diese Aufnahme ist in ihrer Eigenart ohnehin nur im Studio denkbar - und auch dort vielleicht vor allem als Experiment zu verstehen: aber als ein Interessantes!
1. Mit dem "Venusberg" hatte ich bislang die meisten Schwierigkeiten: Sowohl inhaltlich als auch von der reizvollen vokalen Besetzung her setzte ich stets Erwartungen an diese Szene, die sie in direkter Nähe zur Begnung Kundry-Parsifal sehen wollten - und jedes Mal neu in der Enttäuschung endeten, daß mich der Akt seltsam unberührt ließ. Ich schob dies stets auf die Schwächen der Sänger und hoffte, meine Unzufriedenheit durch den Kauf der Solti-Aufnahme endlich zu überwinden: denn das Dreigestirn Solti-Kollo-Ludwig schien mir im Wagner-Fach unschlagbar hinsichtlich seiner Differenzierungsfähigkeit des Ausdrucks, der kompromißlosen Textbezogenheit und der vollkommenen Beherrschung der stimmlich-klanglichen Mittel. Doch vielleicht gerade dieses "Maximale" der Möglichkeiten ließ mich erst recht enttäuscht auf halbem Weg zum Parsifal zurück...
Erst die Sinopoli-Aufnahme brachte mich dazu, die Venusberg-Szene einmal ganz anders zu hören: Schon in den ersten Einsätzen der beiden Protagonisten Domingo und Baltsa begegneten mir Assoziationen, die mich -fern von Parsifal- eher zur romantischen französischen Oper führten: zu Carmen und Don José oder auch Samson und Dalila - ebenfalls Konstellationen, in denen sich ein tief empfindender Held in den Verführungskünsten einer (mehr oder weniger als dämonisch charakterisierten) Frau verfängt. Zu diesem "französischen Eindruck" trugen natürlich meine bisherigen Hörbegegnungen mit den beiden Sängern bei, ihr beiderseits unverwechselbares, sinnliches Timbre sowie -nicht zuletzt- ihre geringe sprachliche Ideomatik, die durch mangelhafte Textverständlichkeit dazu verführt, das Geschehen vor allem in seiner Klanglichkeit aufzunehmen. So entsteht der Venusberg hier vor allem als ein schillernder, verführerischer Farbenrausch fern von gedankenschwerer Selbstreflektion - und entfaltet damit Qualitäten, die sich mir bis dato verschlossen hatten. Daß der Gesang des Waldvogels schließlich ein Wiederhören mit der (wie immer) bezaubernden Barbara Bonney bietet, ist eine mehr als erfreuliche Zugabe innerhalb des ersten Aktes.
2. Das Geschehen in der "Teuren Halle" ist als der Schwachpunkt des Sinopoli-Experiments zu werten: seine Verwurzelung in der deutschen romantischen Oper, seine Anklänge an Weber und das deutsche Kunst- und Volkslied erfordern mehr Stilempfinden, als Domingo (aus oben genannten Gründen) aufzubieten vermag; und auch Matti Salminen, der mit seiner manchmal fast grimassiert wirkenden Sprachbehandlung als Bösewicht (z.B. als Osmin bei Harnoncourt) nachhaltigen Eindruck hinterläßt, konnte mich in väterlich-weihevollen Rollen trotz seiner unbestrittenen stimmlichen Potenz noch nie wirklich überzeugen. In Bezug auf den zweiten Akt ist Barenboims Berliner Tannhäuser-Aufnahme -mit Seiffert, Hampson und dem großartigen René Pape- eindeutig der Vorzug einzuräumen...
3. Dem Pilger-Drama schließlich habe ich meine spät erwachte Affinität zum Tannhäuser zu danken: ich kann mich gut an die spontane Idee erinnern, diesen Akt als eigenständiges Werk zu betrachten und aus dem szenischen Gesamtkontext herauslösen zu wollen - und bis heute könnte ich ihn mir gut im konzertanten Umfeld, quasi als Oratorium, vorstellen: zum Beispiel in Kombination mit dem "Deutschen Requiem" von Brahms, das sich ja ebenfalls substanziell mit dem Erlösungsgedanken beschäftigt. Diesen Ansatz empfinde ich bei Sinopoli als geradezu ideal verwirklicht: in verinnerlichter, kammermusikalischer Intensität entbehren die Monologe von Wolfram und Elisabeth fast jeder opernhafter Wirkungen, verlieren so letztlich ihre Haftung in der Bühnenrolle und schwingen sich auf zur allgemeinmenschlichen Aussage (erst auf den zweiten Blick fiel mir auf, daß das für das beglückende Gelingen dieser oratorisch-liedhaften Lesart maßgeblich verantwortliche Duo Andreas Schmidt - Cheryl Studer tatsächlich auch die m.E. gelungenste Aufnahme des Brahms-Requiems (unter Abbado) veredelt...) Die Romerzählung zuguterletzt vermag sich in der Realisation von Domingo erwartungsgemäß kaum in dieses Konzept zu integrieren, stellt jedoch als Einzel-Ereignis eine musikalische Aussage dar, der in punkto stimmlicher Präsenz und Intensität des Ausdrucks mehr als Respekt gebührt.
Eine allgemeingültige Referenz-Aufnahme ist diese Produktion also ganz sicher nicht- aber ein Projekt, daß neue Sichtweisen zu erschließen vermag,- und das in seiner Ambivalenz so sympathisch menschlich wirkt, daß man sich ihm gut und gerne einen Platz im eigenen Wohnzimmer anzubieten traut.
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