Georg Friedrich Händel: Messiah
Ein Interpretationvergleich.
Ostern. Über Hasen oder Eier
möchte ich allerdings nicht schreiben. Das Thema „Auferstehung“
liegt mir da deutlich näher. Die Melodie „I know that my redeemer
liveth“, zu Deutsch: „Ich weiß, daß mein Erlöser lebet“ geht
mir durch den Kopf, einer der bekanntesten Sopran-Arien aus Händels
Oratorium „Messiah". Mit dieser Erkenntnis des
Ostermorgens wird der dritte Teil des Oratoriums eingeläutet, in
direktem Anschluss an das feierliche „Halleluja“, mit dem der
Abschnitt über die Passion, die Leidensgeschichte Jesu,
abgeschlossen wird: der Weg also vom Leiden hinein in die Osterfreude. Auch über den CD-Player ist dies immer wieder ein besonderes Erlebnis.
Händels Messias ist unsterblich. Manch
anderes klassisches Stück überlebt schlechte Aufführungen nicht,
der Messias jedoch ist nicht totzukriegen, nicht durch überforderte
Laienchöre oder opernhafte Riesenbesetzungen, nicht durch blutleere
Temporekorde, rigorose Kürzungen oder Potpourris im Best-of-Stil.
Der Messias bleibt immer jung, beeindruckend in seiner
Vielfältigkeit. Wie viele berührende Arien enthält
das Stück, wie viele erhebende Chöre, wie viel kunstvolle
Polyphonie.
Unmöglich ist es dabei, eine einzige,
alleingültige Aufnahme zu benennen, vielmehr kommt es dem eigenen
Blick auf das Stück durchaus zugute, verschiedene Ansätze
kennenzulernen. Darum möchte ich heute mehrere Aufnahmen
vorstellen. Da ich in den neuesten Produktionen (Jacobs, McCreesh,
Minkowski, Haim) beim Reinhören neben einigen deutlichen Schwächen nicht viel
wahrgenommen habe, was maßgeblich über bisherige Interpretationen
hinausgereicht hätte, möchte ich mich hier vor allem auf
Sichtweisen beziehen, die zur Wieder-Auferstehung des Stückes
geführt haben: im Geist der historischen Aufführungspraxis mit
alten Instrumenten.

Als Klassiker wird in dieser Hinsicht
im Besonderen die 1978 enstandene Aufnahme des im September 2014 verstorbenen Britischen
Barockpioniers
Christopher Hogwood genannt. Mit den heutigen
Hörgewohnheiten ist es kaum zu ermessen, was für eine Sensation das
damals gewesen sein muß: ein hellstimmiger Knabenchor mit aller für
ihn typischen Leichtigkeit und Transparenz, dazu eine Solistenriege,
die ausnahmslos aus der ersten Garde der neuen englischen
Barockstimmen bestand, schlank, fast vibratolos, geschult an
Monteverdi-Madrigalen und dowland'schen Lautenliedern: Emma Kirgby,
Judith Nelson, Carolyn Watkinson, James Bowman, David Thomas. Fast ätherisch ist es zu
nennen, wie sich Paul Elliotts körperloser Tenor im „
Comfort ye“
zum Erblühen bringt. Insgesamt ist mir der Ansatz bei aller für
sich einnehmenden Anmut auf Dauer jedoch zu blass, zu
leichtgewichtig.
Trevor Pinnock bringt 1988 mit seinem
English Concert und Choir durchaus mehr Gewicht ins Spiel, sein
„ausgewachsener“ Chorklang besitzt deutlich mehr Wärme und Farbenvielfalt (zu hören z.B. in "
For unto us a child is born" oder im oben genannten
"Halleluja") Mit der Klangtechnik der Deutschen Grammophon/ Archiv
Produktion stehen ihm die besten Möglichkeiten zur Verfügung, das
Geschehen gleichermaßen räumlich, blitzsauber und strahlend
abzubilden. Mit Arleen Auger und Anne Sophie von Otter sind zwei
Königinnen des Lied- und Oratoriengesangs an Bord, Michael Chance
kann als geschmeidigster englischer Countertenor seiner Generation gelten. Daß
der etwas blässliche Tenor Howard Crook und der stark abgedunkelte
Wagnerbaß nicht ganz das Niveau halten, ist wohl zu verschmerzen:
Zahlreiche Referenz-Zuschreibungen deuten an, daß dies die Aufnahme
sein könnte, bei der sich stimmlicher Wohlklang, barocke Strahlkraft
und religiöse Glaubwürdigkeit am stimmigsten miteinander verbinden.
Mir ist das Ganze (wie häufig bei Pinnock) jedoch etwas zu glatt,
etwas zu spannungsarm, etwas zu behäbig.

Das kann man Nikolaus Harnoncourt (
Teldec 1983 und
Deutsche Harmonia Mundi 2005 bei
bestem Willen nicht vorwerfen. Vor allem diejenigen, die nach
differenzierter Chorarbeit suchen, werden wohl nirgendwo
Vergleichbares finden. Unübertrefflich ist das, wie viel Dynamik und
Ausdruck allein in einer einzigen Phrase liegen kann: „Musik als
Klangrede“ wird hier erfahrbarer denn je. Der Stockholmer Kammerchor wie auch der Arnold Schönberg Chor sind ideale Protagonisten für eine gleichermaßen klang- wie charaktervolle Umsetzung der Harnoncourtschen Ansätze. Beispielhaft ist auch,
wieviel Beweglichkeit und Binnen-Spannung aus langsamen Tempi
herausgekitzelt werden können. Dennoch taugen beide verfügbaren
Aufnahmen nicht wirklich zur umfassenden Empfehlung: zu aufgerauht
und unsauber klingt das (Live-)Orchester, zu durchwachsen ist (wie
leider so häufig) die Klangtechnik. Das größte Minus ist (nicht nur in der älteren Aufnahme) jedoch
den Solisten anzulasten, die meines Erachtens fast durch die Bank zu
ausladend und opernhaft agieren,- was dem dramatischen Gestus, nicht
aber der klanglichen Schönheit zugutekommt (wenngleich die epische
Arie „He was despised“ in der Verkörperung durch Marjana
Lipovsek (1983) in ihrer Intensität und Innigkeit wohl durch keinen
Countertenor übertroffen werden kann).

Die Aufnahme, die mir -eigentlich wider
Erwarten- über die Jahre am meisten ans Herz gewachsen ist, stammt
von 1982, aus der hochproduktiven Werkstatt von
John Eliot Gardiner, die eine
ganze Reihe an Referenzeinspielungen vorweisen kann. Mit Hilfe einer
exzeptionellen Aufnahmetechnik hat man das Gefühl, dem Ensemble
direkt gegenüberzustehen. Die „English Baroque Soloists“ sind in
der seidigen Schlankheit und Beweglichkeit des Instrumentalklangs
nicht zu überbieten, sie können sich jede Form virtuoser
Sportivität oder meditativer Zurückhaltung erlauben, ohne zu
verhärten oder zu verhuschen. Solistisch steht hier kein Star oder
Lieblingssänger auf der Liste: Catherine Robbin (Mezzo), Charles
Brett (Countertenor), Anthony Rolfe-Johnson (warum nur immer er...?)
und Robert Hale sind allesamt eher unauffällige Vertreter ihres Fachs,
fügen sich jedoch mit ihrer soliden Werkdienlichkeit ohne Schwächen
in die frische, engagierte, aber durchaus nicht effektheischende
Interpretation Gardiners ein. Der allseits hochgelobte
Monteverdi-Chor beweist wieder einmal sein großes stimmliches
Potenzial und seine stupende Technik; wenn dabei der ein oder andere
Akzent etwas zu grob oder hartkantig ausfallen mag, stört mich dies
bei Händel deutlich weniger als bei Bach, Mozart oder gar Brahms: Die
Begeisterung für das Stück drängt aus allen Poren. Ein Rätsel
bleibt mir, warum die Sopranistin Margaret Marshall nur so sporadisch
im CD-Katalog vertreten ist: Als Händel-Interpretin scheint sie mir
ideal im Spektrum ihrer Farben: wie akkurat sind ihre silbernen
Koloraturperlen im „Rejoice“, wie berückend und golden leuchtend
ihr Einsatz im Duett „And he shall feed his flock“. Oder auch in "
If god is for us": Ich freue
mich auf jede Arie, in der ich diese wunderbare Stimme wiederhören kann...

Die Sopran-Frage hat William Christie 1994
(wie seinerzeit schon Hogwood) durch Team-Work gelöst und für seine Aufnahme
gleich
zwei Sängerinnen engagiert: die (oftmals unterschätzte)
Koloratur-Perle Sandrine Piau (maßstabsetzend ihr "
Rejoice") und die (sonst des öfteren überforderte)
Engelsstimme par excellence, Barbara Schlick, die nun beide, jede 100%-ig in ihrem
Fachgebiet, Ultimatives abliefern können. Auf einheitlich höchstem Niveau bewegt sich die gesamte Solistenriege: Andreas Scholl als der m.E. klangschönste Altus der letzten 20 Jahre auf dem Höhepunkt seiner Karriere; zum Dahinschmelzen
"But who may abide" oder das Alt-Sopran-Duett
"And he shall feed his flock" mit Barbara Schlick. Mit Mark Padmore ist (zum ersten Mal in dieser Liste) ein Tenor dabei, der sowohl über weiche als auch dramatische Farben verfügt (man denke auch an seine beeindruckende Leistung in der szenischen Johannes-Passion von Rattle und Sellars); und Nathan Berg erweist sich als ein substanzreicher, aber trotzdem ausreichend schlanker Baß ohne Tendenz zur Abdunklung oder Schwerfälligkeit. Alle Solisten haben (so wird berichtet) über eine lange Proben- und Aufführungsphase
mit und
im Chor gesungen, das ganze Ensemble agiert und atmet aus einem Guß, der Chor selbst läßt an Leuchtkraft, Transparenz und Agilität keine Wünsche offen. Dennoch will mir diese Aufnahme auch auf Dauer nicht wirklich nahe kommen. Mag es daran liegen, daß die ein oder andere Phrasierung, die ein oder andere Tempovariante vom Gekonnten ins Gekünstelte kippt. Mag es die Aufnahmetechnik sein, die Distanz schafft: durch die Entfernung und Indirektheit, mit der sich das Ereignis abbildet, durch die muffige Begrenztheit der dynamischen Breite (vor allem des Chorklanges);- auf mich jedenfalls überträgt sich das Strahlen leider nicht. Schade, denn die Bedingungen in der Besetzung sind wohl selten so optimal zu nennen: Der Anspruch auf den Referenzstatus soll darum auch hier unangestastet bleiben.

Für alle die, die trotz diverser anderweitiger Gepflogenheiten und Lobeshymnen auf die Historisierungsbewegung eine Version mit modernem Instrumentarium und in deutscher Übersetzung bevorzugen, sei zu guter Letzt die Aufnahme von
Neville Marriner empfohlen. Marriner, der sich mit einem eher schlanken, sprechenden Musikstil durchaus von der Alte-Musik-Bewegung geprägt versteht, hat hier mit dem Südfunkchor und dem RSO Stuttgart Partner zur Seite, die auf der Basis eines eher romantischen, warmen Grundklangs auch seinen Vorstellungen von Lebendigkeit angemessen folgen können. Sein Solistenquartett liest sich (mit Robert Holl und Robert Gambill) wagnerianischer als für Händel gewohnt, eine reine Freude sind jedoch Lucia Popp (die ohnehin alles vergoldet, was sie anfaßt) und Brigitte Fassbaender (die leider ein paar Jahre zu früh geboren ist, um in der neu erwachten Alten Musik ausreichend mitmischen zu können): ihre Arien sind erwartungsgemäß charaktervoll durchglüht bis in die kleinste Pore.
Auf allen Ebenen also Beweise zuhauf: Händel lebt, und ist jünger denn je. Fröhliche Ostern!
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