Sonntag, 17. Mai 2015

Auf dem Naschmarkt

Produkt-InformationMerci, Jury! 

Grand Prix Eurovision de la Chanson
Favoriten & Siegertitel

2CDs, Sony Music Austria, 2000

Der Countdown läuft,- keine Woche dauert es mehr, bis sich (nach der festlichen Einleitung durch die Eurovisionsfanfare) der Vorhang hebt für das größte Musikspektakel der Welt. Daß das Ganze nicht mehr "Grand Prix" sondern "Song Contest" heißt, kann ich verschmerzen,  angesichts der Bekanntheit und Gesellschaftsfähigkeit, die diese Veranstaltung in den letzten 20 Jahren zurückgewonnen hat. Sind auch Sie dabei, vor dem heimischen Fernseher oder auf einer Party?

Und wenn ja, bereiten Sie sich vor? Schauen Sie sich Favoriten oder schwarze Schafe vorher auf youtube an, oder wollen Sie sich lieber überraschen lassen?

Ein anderer Weg der Einstimmung könnte es ja auch sein, noch einmal in die Urgründe der Grand-Prix-Geschichte einzusteigen und herumzustöbern im Fundus zwischen Chansonkunst und TV-Kommerz. Ehrlich gesagt: auf die inflationären Rückblick-Sendungen habe ich nicht mehr so rechte Lust. Immer wieder dieselben Songs, dieselben Szenen - und dieselben Prominenten, die als Zeitzeugen oder Liebhaber persönliche Erinnerungen oder fachliche Kommentare von sich geben. Auch CD-Zusammenstellungen mit chronologischer Reihung von Siegertiteln finde ich mittlerweile eher reizlos. Umso begrüßenswerter erscheint mir darum das Doppel-Album, das der versierte Eurovisionskenner Jan Feddersen, quasi als Soundtrack zu seinem gleichnamigen Buch, zusammengestellt hat: Bunter gehts nicht! Grand-Prix-Skeptiker dürften staunen, was für Schätzchen der umstrittene Wettbewerb wider Erwarten hervorgebracht hat, und selbst langjährige Fans könnten durchaus die ein oder andere Überraschung erleben.

Die erste Überraschung ist: der CD-Titel stimmt nicht! Natürlich enthält dieses Album "Siegertitel", anderenfalls ließe es sich wohl nicht verkaufen,- aber eine nicht geringe Anzahl der ausgewählten Songs ist noch nicht einmal den "Favoriten" zuzurechnen. Genauso wie die Beliebtheit von Lied und Interpreten, die Punktzahl auf der Anzeigetafel oder die Anzahl verkaufter Singles gelten hier auch Besonderheiten eines Songs oder seiner Geschichte -aus der Sicht eines langjährigen Beobachters - als würdige Eintrittskarte. Das macht die Auswahl deutlich subjektiver, als der Titel zu versprechen scheint, aber auch deutlich interessanter zum Hören: sowohl für die Fans, die alle Siegertitel sowieso schon im Schlafe mitpfeifen können, als auch für Neulinge, die nicht nur mit Sieger-Power beschallt, sondern auch mit leiseren Tönen vertraut gemacht werden wollen. Und es gilt mit Nachdruck zu konstatieren, daß Jan Feddersen's Geschmacksicherheit dabei absolutes Vertrauen gebührt; nicht zuletzt den im Booklet angefügten Kommentaren zu jedem Lied kann man entnehmen, daß ihr Autor mit großem Detailwissen, mit Sinn für die Branche und die Sprache des Kommerzes, aber auch mit viel Herz an die Sache herangeht. Und damit ist dem Grand Prix wahrlich mehr gedient als mit akustischen Erfolgsstatistiken.

Die zweite Überraschung ist: auch wenn Jan Feddersen gebürtiger Hamburger ist und als Redakteur für die Berliner taz schreibt, dominiert hier eine Österreichische Perspektive: Unabhängig vom jeweiligen Erfolgs- oder Bekanntheitsgrad sieht sich der Hörer mit einer überproportionalen Häufung österreichischen Liedguts konfrontiert. Das wird wohl am Sitz des Plattenverlags liegen - und paßt in diesem Jahr 2015 ganz besonders gut zum Austragungsort Wien. Drum gilt es heute diese Raritäten als ganz besondere Schmankerl zu genießen: An Udo Jürgens ("Merci Cherie" 1966, 1. Platz) wäre man zwar auch über jede internationale Zusammenstellung herangekommen,- aber wer kennt schon Karel Gotts hochdramatisches, deutschsprachiges Debut "Tausend Fenster" (1968, 13.Platz), Peter Hortons  "Warum es 100 000 Sterne gibt" (1967, 14.Platz) (damals hatten es die Ösis wohl mit Zahlen...), die Hippie-Hymne "Falter im Wind" der Milestones (1972, 5. Platz) oder gar das sperrige "Die Zeit ist einsam" (1986, 18.Platz) der Künstler-Tochter Timna Brauer, die sich seitdem auch in Brecht-Chansons, Musicals oder hebräischem Jazz bewährt hat? Und da ist noch mehr im Angebot...
Demgegenüber sieht Deutschland auf dieser CD geradezu mager aus,- erfreulicherweise, denn die ganzen Klassiker kann man auch auf anderen Samplern finden. Neben der (nicht zu Unrecht) unumgänglichen Nicole dürfen wir uns hingegen freuen über Raritäten wie die englische Version von Joy Flemings Klassiker "Ein Lied kann eine Brücke sein" (dem am häufigsten diskutiertesten 17.Platz der ESC-Geschichte) und die französische Fassung von Mary Roos' "Nur die Liebe läßt uns leben" (1972, 3.Platz): Diese eigenwillige Wahl sorgt nicht zuletzt dafür, daß nicht nur eine Sieger-, sondern auch eine Siegel-Sammlung vermieden wird. Stattdessen hören wir auch Stefan Raab mit seinem 1998 für Guildo Horn geschriebenen Beitrag zu Recht neben Altmeister Ralph auf diesem Album verewigt: ihm ist es zu danken, daß der in die Jahre gekommene Wettbewerb wieder für eine breitere Öffentlichkeit attraktiv wurde: zuerst mit (warmherziger) Ironie (Guildo), und dann mit echt frischem Wind (Lena, leider zu jung für dieses Album).

Auch Feddersen mag das Innovative - und dokumentiert, daß so manches, was für die Juroren zu ihrer Zeit noch zu ausgefallen war, in den Hitparaden der Fans längst Unsterblichkeit erlangt hat: wie das stylische Techno-Opus "Minn histi dans" des isländischen Superstars Paul Oscar (1997, 20.Platz), der relaxte dänische Mandolinen-Reggae von Aud Wilken (1995, 5. Platz) oder die gleichermaßen groovige wie epische Disco-Hymne "Vrede" aus den Niederlanden (1993, 6.Platz), die damals auch mein Lieblingssong war; wie schön, eine eigene geschmackliche Vorliebe wiedergespiegelt zu bekommen!

Ein weiterer Reiz dieser CD ist es, daß sie (gezielt oder zufällig?) historische Rivalitäten um den Sieg dokumentiert. Gleich zweimal sind es übrigens innovative Beiträge aus Frankreich, die bei aller Anerkennung im letzten Moment dann doch den Kürzeren zogen: 1990 die farbige Joelle Ursull mit dem rhythmusbetonten "White and Black Blues" gegenüber dem eingängigen Euro-Hit "Insieme 1992" von Toto Cotugno (Italien). 1991 die gebürtige Tunesierin Amina mit ihrer sphärischen Ethnopop-Ballade "Le dernier qui a parlé" 1991 gegenüber der Windmaschinen-Sause "Fangad av en stormvind" von ESC-Ikone Carola aus Schweden. Gleichermaßen nachzuhören ist das 1998er Kopf-an-Kopf-Rennen der "ungleichen Schwestern" Chiara aus Malta (mit ihrer warmherzigen, kerzenbeschienenen Ballade "The one that I love") und dem Disco-Blickfang Dana International, der ersten Transsexuellen auf der ESC-Bühne, die mit ihrem Sieg "Diva" ein neues Kapitel des Wettbewerb aufschlug. Anfänglich gab es übrigens noch keine Regel für den Fall, daß mehrere Beiträge die identische Punktzahl erreichen würden,- so daß 1969 gleich vier Sieger zu verkünden waren. Zwei davon sind hier verewigt: die wunderbare Gitarrenerzählung "De Troubadour" von Lenny Kuhr (Niederlande) und die breit angelegte, fast klassische Hymne "Un jour, un enfant" von Frida Boccara aus Frankreich, für mich die zwei schönsten Neuentdeckungen auf diesem Album.

Und dann, last not least, natürlich die Stars, die Hits, die den Wettbewerb lebendig und ertragreich machen: Songs, die über den Grand Prix hinaus Geschichte geschrieben haben wie Modugnos "Volare" (Italien 1958), "Save your kisses for me" (GB 1976) oder "Hallelujah" (Israel 1979); Künstler, deren Karrieren mehr oder weniger untrennbar aus dem ESC hervorgegangen sind wie Vicky Leandros, France Gall, Isabelle Aubret, Celine Dion oder Johnny Logan; international bekannte Künstler, die dem Wettbewerb ihren qualitativen Stempel aufgesetzt haben wie Cliff Richard, Francoise Hardy, Alice oder Katrina & The Waves...
Werfen Sie doch noch einmal einen Blick auf die Songliste!


Natürlich fehlt da so einiges, nicht zuletzt das ganze neue Jahrtausend, der Vormarsch der Balkanländer, die Erfrischungskur aus dem Baltikum, die Exentritäten der ersten polnischen Beiträge und und und. Zeit also für eine Folge zwei, lieber Herr Feddersen!

Und was denken Sie? Sind Sie auf den Geschmack gekommen - oder haben genug genascht für heute? Dann kaufen Sie doch schon mal für den nächsten Samstag ein paar Knabbereien ein: der alternativlos beste Sampler ist ohnehin das Live-Erlebnis, marktfrisch und voller Überraschungen. Wir können gespannt sein!

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