Montag, 25. Mai 2015

Made in Sweden

Produkt-InformationTommy Körberg: Livslevande

Mono Music 1990

Liebe Leute. Sorry, daß ich doch noch einmal auf den Grand Prix Eurovision zurückkomme, das habe ich eigentlich gar nicht vorgehabt. Und ich glaube, wenn Italien gewonnen hätte oder gar Russland, wäre ich darüber auch stillschweigend hinweggegangen,- schließlich habe ich genügend andere Themen in der Hinterhand. Aber Schweden: das rührt schon an ganz alte Erinnerungen. Das ist große Eurovisions-Geschichte.

Ich meine ausnahmsweise mal nicht ABBA (auch wenn "Waterloo" wahrscheinlich für alle Zeiten der unangefochten erfolgreichste, maßstabsetzendste Siegertitel bleiben wird). Daß die Schweden heutzutage die Sprache des universal eingängigen und dabei doch gut gemachten Popsongs am besten verstehen, beweisen nicht nur Siegertitel wie der diesjährige "Heroe" oder "Euphoria" von gerade mal zwei Jahren, sondern auch der Umstand, daß bei mindestens zwei weiteren Wettbewerbsbeiträgen pro Jahr gezielt schwedische Produzenten hinzugezogen werden. Aber auch dies ist nicht der Aspekt, über den ich mich hier ausbreiten möchte. Vielmehr geht es mir um meinen ganz persönlichen allerallerliebsten GrandPrix-Beitrag, Schweden 1988. Kein erster Platz damals, aber trotzdem nicht mehr aus meinem Kopf zu bekommen.

Ich hatte alle Songs des Abends (wie schon im Jahr zuvor) mit dem Radiorecorder meines Vaters auf Audiokassette aufgenommen, in recht passabler Tonqualität, aber ohne die Namen der Künstler mitzuschreiben. In der Vor-Internet-Zeit gab es nun keine Möglichkeit mehr, herauszufinden, wer dieser Sänger war, der (trotz noch nicht ganz überwundener Kehlkopfentzündung) mit höchst eindrucksvoller Stimme die wunderschöne Ballade "Stadt aus Licht" gesungen hatte. Celine Dion war die Entdeckung des Abends, von Platz 12 sprach keiner mehr, der Sänger verschwand mitsamt seinem Lied im Dunkeln. Ich trauerte ihm hinterher, mit dem Pathos des beginnenden Eurovisions-Junkies.

Im Jahr 2003 oder 04 gelang es mir, in einem modernden Antiquariat endlich ein Exemplar des ständig vergriffenen Standard-Werkes "Ein Lied kann eine Brücke sein" von Jan Feddersen zu ergattern: der Schmöker, der in wissenschaftlicher Chronologie alle Teilnehmerlisten, Punktetabellen und zudem viele interessante Hintergrundinformationen enthält. Mein erster Blick galt dem Jahr 88 - und entschleierte mir endlich die Identität meines Lieblingssängers: Tommy Körberg. Die Überraschung war perfekt: Das war tatsächlich derselbe Tommy Körberg, der mir seit Mitte der 80er, ab dem Zeitpunkt, in dem er mir als Hauptprotagonist des Musicals "Chess" (aus der Feder der Abba-Macher Anderson und Ulvaeus) erstmals begegnet war, als beste männliche Musicalstimme überhaupt erschien. Charakterstark, charismatisch, substanzreich, im Ernstfall mit großer Durchsetzungskraft, aber auch des zartesten Schmelzes fähig, und dies alles ohne jemals zu knödeln, zu schreien oder zu fisteln. Warum ist dieser Sänger nur international so wenig präsent, dachte ich mir immer. Es war eine große Freude, ihm (mit ca. 15 Jahre verspäteter Erkenntnis) im Grand Prix wiederzubegegnen. Nun galt es, ihn darüber hinaus genauer kennenzulernen.

Beim Herumstöbern in seiner Diskographie fand ich viel Reizvolles. Die Doppel-CD "Gränslös"  aus dem Jahr 2003 ist eines der best recherchiertesten, umfassendsten "Best-of"-Alben, das mir je in die Finger gekommen ist. Einen Zeitraum von 35 Jahren umfassend bildet es die verschiedensten Aspekte und Phasen seiner künstlerischen Vita von Rock über Folk und Chanson zu Musical ab und muß wohl als der gründlichste Weg gelten, dieses grandiosen Künstler kennenzulernen. Ich persönlich konnte mich allerdings noch nie so recht anfreunden mit dem ständigen Auf und Ab an Stilen, Stimmungen und Soundqualitäten, das Anthologien so mit sich bringen. Der ständige Griff nach der "Skip"-Taste läßt das Gefühl eines wirklich zusammengehörenden Stücks Musik letztlich nicht aufkommen. Drum möchte ich heute einen anderen Geniestreich empfehlen: Das Live-Album "Livslevande".

Das ist echte Musik. Ich gebe ja zu: wenn Körberg dazu singt, kann ich auch mal 60er Rock-Schnulzen, dicken Hollywood-Orchestern oder swingenden Big-Band-Klängen etwas abgewinnen. Aber so habe ich es doch am liebsten: eine kleine, filigran aufeinander abgestimmt Combo aus Flügel/Keyboards (Stefan Nilsson), Gitarren (Mats Bergström), Baß (Teddy Walter) und Drums (André Ferrari). Allesamt sind sie am Jazz geschult, zeigen sich phantasievoll und spielfreudig, mit vielen kontrastreichen Details, harmonischen Einfärbungen und ornamentalen Virtuossitäten - und bieten ihrem Sänger damit ein hörbar inspirierendes Feld für eine stimmliche Vielfarbigkeit, die ihres Gleichen sucht. Folkloristische Intimität, blousiges Anrauhen, romantisches Säuseln, humoristisches Deklamieren: bei ihm hat einfach alles gleichermaßen Klang und Klasse.

Gemeinsam durchstreifen die 5 Herren Körbergs Repertoire und beleuchten es noch einmal auf neue, angejazzte Weise, beginnen mit einem Medley aus Liedern des französischen Film-Komponisten Michel Legrand, hier besonders charmant in schwedischer Sprache, kommen dann zu Kurt Weill, dem sie in "Speak low" überraschend Tempo verleihen. Später dann 4 Lieder von Jaques Brel, ebenfalls in schwedischer Übersetzung, in der Sichtweise, die Körberg und Nilsson auf ihrem Brel-Album entwickelt haben: temperamentvoll, geradeheraus, gestaltungsfreudig, ausdrucksstark, ohne das sentimentale Lamento, das vielen anderen Brel-Interpreten anhaftet. Meine Lieblingslieder dieses Albums sind allerdings die schwedischen Originale: das volksliedhafte, harmonisch delikat ausgeleuchtete "Nu har jag fatt den jag vill ha", das in den verswingten Walzer "Nu är det gott att leva" überleitet. Oder auch die Nilssonssche Originalkomposition "Likgiltigheten är en form", ein kunstvoll verschraubter Klaviergroove Keith-Jarrettscher Prägung, der im Verlauf gewaltig an improvisativer Fahrt aufnimmt: alles andere als Easy-listening...

Schade nur, daß Körberg bei seiner Liederreise nicht auch bei der "Stad i ljus" vorbeikommt: sein Eurovisonsbeitrag hätte längst eine kehlkopfentzündungs- und Grand-Prix-Orchester-freie akustische Neuversion verdient.

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