Richard Strauss:
Der Rosenkavalier
Kiri te Kanawa, Anne Sophie von Otter,
Barbara Hendricks, Kurt Rydl,
Franz Grundheber, Richard Leech
Staatskapelle Dresden, Bernard Haitink
3 CDs, EMI Classics, 1991
Es gibt so manche Dinge, die gehen immer. Für mich gesprochen: Beim Essen was mit Nudeln. Beim Lesen was von Patricia Highsmith oder Fontane. Vor dem Bildschirm ein Agatha-Christie-Epos oder ein alter Disney. Und auf der Opernbühne: Der Rosenkavalier, ganz sicherlich das Werk, das ich mit Abstand am häufigsten live gesehen habe. Das liegt wahrscheinlich an der attraktiven Konstellation von lyrischen Frauenrollen: viel Schmelz, viele schöne Duette. Da birgt jede neue Besetzung neue Aspekte, neue Schönheiten.
Das schlägt sich natürlich auch auf dem CD-Markt nieder: viele bedeutende Interpretinnen des romantischen Opernfachs haben dort bleibende Spuren hinterlassen. Eine Antwort auf die Frage nach der empfehlenswert "besten Aufnahme" wird dadurch nicht einfacher, und ich bleibe auch in meiner eigenen Entscheidung ambivalent. Beim Rosenkavalier geht es mir mit meinen Hörbedürfnissen nämlich ähnlich wie bei Verfilmungen von Deutschen Literaturklassikern, wo es, (im Beispiel gesprochen) neben dem unterkühlten Fassbinder-Experiment und dem werktgetreuen NDR-Zweiteiler noch die gefühlvolle, ungenaue, aber doch anrührende Kinofassung aus den 50er Jahren gibt, die das Ganze als schöne Geschichte mit schönen Menschen auffasst - und auf diese Weise durchaus auch glücklich machen kann... Für eine solche Produktion möchte ich heute eine Lanze brechen: Die drei weiblichen Protagonistinnen der Haitink-Aufnahme zieren das Original-Cover tatsächlich ähnlich wie auf einem Hollywood-Filmplakat, mit einer rollentypdeckenden optischen Attraktivität, die dem stimmlichen Ergebnis in keiner Weise nachsteht - und dies ist, bei aller "Zuckrigkeit" des Gesamtergebnisses, mehr als die meisten anderen Aufnahmen für sich verbuchen können.
Beim Octavian von Anne Sophie von Otter wird es wohl in der Gesamtdiskussion am wenigsten Kontroversen geben: Zum Aufnahmedatum im Sommer 1990 war sie ohrenscheinlich wohl noch weit entfernt von jenem in den letzten Jahren immer deutlicher hervortretenden Ansatz zur Versprödung der Stimme, die immer wieder mit seltsam trockenen, überreizt-hauchigen Klangmomenten einherging. Ganz im Gegenteil: sie präsentiert sich hier (ähnlich wie in ihrem grandiosen Strauss-Lieder-Recital) von einer strömend-inbrünstigen Seite, welche gleichzeitig immer ihren androgynen Grundcharakter zu bewahren weiß und sie damit (wie schon im Mozart-, Gluck- und Händelrepertoire) als ideale Vertreterin von Hosenrollen auszeichnet.
Das Portrait des Bürgermädchens Sophie durch Barbara Hendricks ist, wie alle ihre künstlerischen Aussagen, sicherlich Geschmackssache: Auch ich stand dieser Sängerin noch vor wenigen Jahren eher ratlos gegenüber, empfand ihren Mozart als zu schwerfällig und ihren Schubert (mit ihrer gewöhnungsbedürftig undeutschen Lautformung) als zu maniriert, habe jedoch ihren unverwechselbaren, delikaten Stimmklang mittlerweile sehr liebgewonnen und kann ihrem leuchtenden, "sahnigen" Legato bei Strauss deutlich mehr abgewinnen als den meisten, eher silbrig-mädchenhaften Vokalprofilen ihrer Sophie-Kolleginnen.
Die Leistung von Kiri Te Kanawa als Marschallin, Adressatin der meisten kritischen Einwände gegenüber dieser Gesamtaufnahme, möchte ich an dieser Stelle eher als Plus vermerken. Unbestritten agiert Elisabeth Schwarzkopf um ein Vielfaches differenzierter, dadurch aber auch nervöser und "zickiger", Christa Ludwig wesentlich gefühl- und klangvoller, dafür aber unangemessen (groß-)mütterlich, Regine Crespin tiefsinniger, dabei aber unsinnlicher, unweiblicher. So wie es das bereits erwähnte Cover-Foto optisch verspricht, gelingt Frau Kanawa auch akustisch mit ihrer ungebrochen edlen stimmlichen Eleganz sowie ihrer (in dieser Rolle wie verschleiernd wirkenden) Neigung zur Blässe und Trägheit in Ausdruck und Temperament das Portrait einer (verwöhnten) adeligen Schönheit, deren Anziehungskraft auf den Typus des jugendlich-schwärmerischen Liebhabers hier (für mich erstmalig) wirklich nachvollziehbar wird. So gewinnt die Paarung TeKanawa/vonOtter im ersten Akt gerade durch die unterschiedliche Gewichtung von Klang und Ausdruck an Deutlichkeit im Sinne einer gesellschaftlichen Typisierung - und entfernt sich weitestmöglich von der Gefahr, wie ein Schwesternpaar (siehe Schwarzkopf / Ludwig) oder Mutter und Sohn (Ludwig / Jones bei Bernstein) empfunden zu werden.
Das "romantischste Orchester", die Staatskapelle Dresden, bietet für dieses "Hollywood"-Projekt die geeignete, bei aller Weichzeichnung farbenprächtige Kulisse,- so daß man sich (sollte man diese Hörerhaltung nicht als grundsätzlich unseriös ablehnen) durch diese Version des Rosenkavaliers einmal richtig verwöhnen lassen darf.
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