Das Deutsche Volkslied auf CD
Deutschland, Deine Landschaften, Deutschland, Deine Lieder... Gerade komme ich von einer Wandertour durch die Rhön zurück: wirklich ein Geheimtipp, dieses "Land der offenen Weiten", auch bei wechselhafter Witterung. Und die ohnehin sehr entgegenkommenden Ortsansässigen werden noch offener, wenn man Text und Noten des Rhön-Liedes im Gepäck hat und dieses, vom umfangreichen Tagesmarsch ermüdet, im abendlichen Gasthaus vierstimmig darbieten kann.
Ein bißchen liebevolle Ironie mischt sich dann aber doch hinein in den Vortrag. Warum eigentlich? Was ist denn da so komisch am Volkslied der Deutschen?
Im sehr sehenswerten Dokumentarfilm "The Sound of Heimat" wundert sich der neuseeländische Klarinettist Hayden Chisholm darüber, daß viele Deutschen wehmütig werden, wenn sie (vorgeblich) traditionelle Klänge aus den Anden hören, aber zur Volksliedtradition des eigenen Landes den größtmöglichen Abstand suchen. Und er macht sich auf den Weg quer durch die deutschen Lande, um Stätten, Musiker und Menschen wie Du und ich aufzusuchen, die -auch heute noch- das gemeinsame Singen von Volksgut pflegen. Letztlich kommt er dabei zu dem Schluß, daß unser Land durchaus eine sehr vielseitige, reichhaltige, lebendige Sangeskultur aufzuweisen vermag,- und man nur offen genug sein muß, sie wahrzunehmen. Seine Erlebnisse und Eindrücke auf diesem Wege sind anregend und berührend gleichermaßen,- jedoch scheint mir das, was sie zu Tage fördern, an vielen Stellen doch mehr originell als originär zu sein, mehr nachschaffend und verarbeitend, als wirklich von den Wurzeln und Quellen zehrend. Wo ist es denn, das Lied, so wie das Volk es schuf?
Ich selbst habe viele schöne Erfahrungen mit alten Volksliedern gemacht, nicht nur beim Selbersingen, sondern auch beim CD-Hören. Als erstes fällt mir da folgendes Album ein, das mir vor vielen Jahren auf einem Wühltisch im Kaufhof in die Hände fiel:
Peter Schreier, Tenor
Konrad Ragossnig, Gitarre
VEB Eterna 1986 bzw. Berlin Classics 1987
Volkslieder von einem klassischen Tenor gesungen: das findet reißenden Absatz, wenn's um spanische Boleros oder argentinischen Tango geht,- im deutschen Fall ist der Grad der allgemeinen Skepsis (vielleicht zu Recht?) deutlich höher angesiedelt. Ich gebe zu: Peter Schreier, seinerzeit einer der musikalischen Haupt-Export-Schlager der DDR, ist Geschmackssache. Vielen Freunden des klassischen Gesangs ist seine Stimme (trotz aller verbürgten Erfolge als Bach-Evangelist und lyrischer Mozart-Prinz) zu eng, zu scharf, zu "knödelig". Daß er (bishin zu den kleineren, spielerischeren Rollen bei Wagner) spezialisiert war auf das feine Gestalten im Deutschen Fach, kommt ihm jedoch auch beim Blick ins Volkstümliche sehr zu gute.
Und ganz unabhängig von meiner gewiss nicht uneingeschränkten Wertschätzung gegenüber Herrn Schreier besitzt diese CD Vorzüge, die mir noch bei keiner anderen begegnet sind: Sie bietet mit einem Umfang von 24 Liedern einen ausgenommen breit gefächerten Einblick in wirklich originales, quellenreines Volksgut. Neben vielem der Romantik Entwachsenen ist das ein oder andere Kleinod wie "All mein Gedanken" oder "Nach grüner Farb mein Herz verlangt" sogar aus dem 15. Jahrhundert entstiegen. "Klassiker" wie "Wenn ich ein Vöglein wär", "In einem kühlen Grunde" oder "Der Mond ist aufgegangen" sind gleichermaßen vertreten wie unbekanntere Preziosen wie "Du mein einzig Licht" oder "Verstohlen geht der Mond auf". Überaus sensibel spürt der versierte (klassische) Gitarrist und Lautenist Konrad Ragossnig dem Tonfall, Geist und stilistischen Nährboden jeden Liedes nach, formt Tänzerisches, sanft Wiegendes wie Choralähnliches in feine, nie aufdringliche Begleitmuster um, bettet die nicht selten zahlreichen Strophen in schlüssige, kunstvolle und doch nie gekünstelte Vor-, Zwischen- und Nachspiele. Ein profunder Liederfundus, künstlerisch aus einem Guss, ein musikalisches Füllhorn, das den Hörer wirklich zu bereichern vermag: Endlich hört man einmal, wie schön, wie fein, wie tiefgehend all diese alten Melodien und Texte sind.
Ein gewisser Hang zur Noblesse ist dieser Produktion nicht abzusprechen: Assoziationen von Planwagenfahrten, Lagerfeuerromantik oder aufrüttelnden Bänkel-Szenen auf mittelalterlichen Marktplätzen mögen dabei wohl kaum aufkommen,- eher Vorstellungen von Kleinkunstabenden im gepflegten kleinen Saal eines mitteldeutschen Kurhauses, vielleicht sogar bei Regenwetter. Und doch ist da was Wahres und Wahrhaftiges spürbar, finde ich,- und das ganz ohne Ironie.
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Aber der letzte Schluß zu diesem Thema ist diese CD für mich durchaus nicht: Weitere Aussichten auf Deutsches Volksgut folgen in Kürze...
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