Sonntag, 7. Juni 2015

Echt Glaubwürdig

Produkt-InformationCae Gauntt: Was uns bleibt


Gerth 2011

"Damit wir klug werden": das ist das Motto des evangelischen Kirchentags, der heute in Stuttgart zuende gegangen ist. Schon komisch: nur ganz von Ferne habe ich ihn wahrgenommen. Dabei war er mir in früheren Jahren mehrmals eine wichtige Inspirationsquelle, übrigens auch  musikalisch. 1987, vor 28 Jahren, war ich zum ersten Mal -komplett und auf eigene Faust- dabei, bin mit meinem Multifunktions-Eintrittsticket durch das für mich riesengroße Westberlin gefahren, habe christliche Musicals und Liedermacher aufgesucht und mich wohltuend erwachsen und frei gefühlt.

Cae Gauntt gab es damals auch schon. Ihre erste Platte war frisch herausgekommen und wurde an Verkaufsständen in vorderer Reihe angeboten. Andere Jugendliche erzählten begeistert davon, die junge Sängerin bei einer Bibelarbeit im Messezentrum live erlebt zu haben. Eine große Stimme habe sie, und eine große Ausstrahlung. Ich bedauerte, sie verpasst zu haben; zum Glück konnte ich mir die LP wenig später mal bei einer Klassenkameradin ausleihen.

Ich gebe zu, am Anfang musste ich mich erst reinhören. Als Sängerin ist sie tatsächlich untypisch für den deutschen "Sacro-Pop": eine kernige Soulstimme, mit hörbar amerikanischen Wurzeln, dunkel getönt und manchmal auch ein wenig gequetscht. Aber: mit Charakter, kein auswechselbarer, einfach nur schön klingender Jugendchor-Sopran... "Produziert von Dieter Falk" steht direkt unter dem Albumtitel mit den drei Buchstaben "CAE": der Mentor als Marke. Falk, der mit Pe Werner oder PUR durchaus langfristig erfolgreiche Künstler der deutschen Poplandschaft zu seinen Schützlingen zählen konnte, war sicherlich der richtige Mann, um einen Karriere-Grundstein zu zimmern, der auch nach den ästhetischen Erwartungen des Popmusik-Markts tragfähig sein sollte.

Popmusik mit religiösen Texten? Ich weiß nicht, wie Sie dazu stehen: Geschmacks- und Ansichtssache ist es sicherlich. Daß sich Künstler heutzutage ganz offiziell und in breitem Umfang auch in ihren Songtexten religiös verorten und christlichen Liedern zum Einzug in die Hitparaden verhelfen, ist vor allem deutschen Soulkünstlern wie wie Xavier Naidoo, Söhne Mannheims oder Glashaus zu verdanken. Ich persönlich finde das begrüßenswert, wenngleich mir weder apokalypische Vorwurfsraps noch Liebster-Jesu-Seelentröster-Romantik inhaltlich wirklich zusagen. Auch bei Cae wird man sicherlich über die ein oder andere textliche Aussage diskutieren können; aber Auseinandersetzung ist ja an sich keine verwerfliche Angelegenheit, weder wenn es um Kunst, noch wenn es um Religion geht.

"Was uns bleibt" heißt nun ihre CD von 2011. Das scheint nicht ganz unprogrammatisch und nicht ganz unpersönlich gemeint zu sein, schließlich ist diese Produktion eine Art "Best of"-Album: welche Lieder bleiben denn, nach 24 Jahren Musiker-Sein, im Dienste des Glaubens, aber auch im Wechsel der Zeiten, der Geschmäcker, der Inspirationen? Die Fans selbst wurden nach ihren Lieblingsliedern gefragt,- ein schöner Ansatz, finde ich, mit einem noch schöneren Ergebnis, denn all meine persönlichen Favoriten sind dabei. Das sind vor allem die ruhigeren, melodiöseren Lieder, die innigeren Texte. Jene Songs, die ohrenscheinlich ein fröhliches Christ-Sein propagieren und die Tanzbarkeit bzw. Radio-Kompabilität religiöser Inhalte beweisen sollten (also jene Lieder, an denen ich mich bei früheren Platten stets vorbeizappen musste), haben allesamt den Kürzeren gezogen. Die Zielrichtung der ersten beiden Alben, Cae in erster Linie als vielseitige Sängerin irgendwo zwischen Gospel und HardRock zu präsentieren, ist Authentizität und Klarheit gewichen, bar aller stilistischen Koketterie. Gut so. Das liegt im besonderen Maße wohl auch an ihrem musikalischen Begleiter Florian Sitzmann, der schon zu Cae's zweitem Dieter-Falk-Album mehrere wunderbare Kompositionen beisteuerte und seit "Welt von 1000 Wegen" (1995) die musikalische Leitung vollständig übernommen hat. Übrigens damals schon mit einer Besetzung, die später als Basis der "Söhne Mannheims" Erfolgsgeschichte schreiben sollte: klein ist die Welt. War "Petrographs" von 2004 noch eher ein experimentelles, düsteres, wenig eingängiges Werk, so scheinen Cae und Sitzmann bei "Was uns bleibt" endgültig angekommen zu sein: bei ihrer Musizierfreude, bei der Wertschätzung der Vorlieben ihrer Fans, bei einem liebevollen und doch erneuernden Blick auf ihre alten Erfolge.

Warum sollte man "Lieblingslieder" noch einmal neu aufnehmen? Wenn jeder sie doch -in einer ans Herz gewachsenen, oftmals gehörten Version- so gut im Ohr hat? Zu Beginn war ich angesichts dieses Konzeptes auch eher skeptisch, ging davon aus, diese CD "nicht auch noch brauchen zu müssen". Ein aufmerksames erstes Hören überzeugte mich sogleich eines Besseren, und wohl einen Monat lang verließ die CD den Player nur ausnahmsweise. Natürlich, manches Lied ist in unerwarteter Weise verändert gegenüber dem Original, und nicht immer nur in eine Richtung, die mir zusagt. Der Balladen-Schwerpunkt dieses Albums machte wohl eine gewisse Umstilisierung erforderlich: manches musste (ein wenig) schneller, manches (noch) langsamer werden, allein um dann doch eine gewisse Vielfalt zu gewährleisten. Das, was dabei herausgekommen ist, ist ein Album aus einem Guss, spielfreudig, natürlich, mit der heute (erfreulicherweise!) allseits vorherrschenden Tendenz, zum akustischen, handgemachten Klang zurückzukehren.

Das tut den Liedern am wohlsten, die zur Zeit ihrer Geburt unter der Vorherrschaft der elektronischen Klangerzeugung zu leiden hatten. "Hier" gewinnt hier, den synthetischen Hall-Wolken und knallenden Drumsamples der 80er entledigt, als freundlicher Gitarrensong endlich an Direktheit und Temperament - und  befreit mich von dem Impuls, ständig die Lautstärke herabregeln zu wollen (die harmonische Vereinfachung kann ich allerdings nicht nachvollziehen: gefällt Euch Musikern das wirklich besser so?). "Every star", das eindrücklichste und größtformatige Beispiel Sitzmann'scher Kompositionskunst, darf hier endlich sein, was es ist: eine gefühlsstarke, klassische, innige Klavierballade, gespielt auf einem echten Flügel, klanglich ergänzt um die improvisierte Oberstimme eines weiblichen Fans. Und der Titelsong "Was uns bleibt", der (wie schon auf "Circle of love") als zwölftes Lied das Album abschließt, war schon damals nicht schlecht,  hat jetzt aber noch einmal an Ruhe und Charakter zugewonnen, wirkt im Grundrhythmus entspannt rollend und episch gedehnt, von Solo-Egitarre und Klavier improvisatorisch umspielt, satt geerdet, feiert die Liebe als Nährboden für alles Gewesene und Kommende, beständig und fließend gleichermaßen. Gut gemacht.

Besonders spannend finde ich die interpretatorische Verwandlung bei zwei Liedern, die ich zuvor immer als Geschwister empfunden (und auch schon mal verwechselt habe), die beide das "Zuviel" im Leben und die Gefahr des Ausbrennens thematisieren - und die beide im Original epiano-betont, poppig durchdesignt und eher glatt daherkommen: "Ich steh zu Dir" ('89) wechselt hier ganz seine Gestalt, greift nach groovender akustischer Gitarre, Fender Rhodes und Cajon und fasst das Thema bei seinen lebensbejahenden Wurzeln. Daß Zeilen wie "Die Augen voller Tränen, die Hände vorm Gesicht" dabei weniger glaubwürdig herüberkommen, habe ich längst verschmerzt angesichts des Zugewinns an Lebendigkeit und Binnenspannung, die auch dem youtube-video abzuspüren ist. Der "Zwilling" von '87 "Nichts verloren" hat die genau entgegengesetzte Entwicklung hinter sich: stark verlangsamt, rhythmisch fast ausgebremst, in flexibler, erzählender Agogik ist er nun die große, dramatische Begegnung zwischen Stimme und Flügel kurz vor Ende des Albums, ein emotionaler Aufschrei von großer Glaubwürdigkeit, und ein Beweis großer Klavierbegleiterkunst.

Nicht glücklich bin ich allerdings mit der neuen Version von "Reaching out" ('89): Ich verstehe auch hier das Bedürfnis, mehr Leichtigkeit und "Blues" in die Sache zu bringen, aber die breite hymnische Melodie, die auch einer Whitney-Houston gut zu Gesicht gestanden wäre, hätte wirklich mehr Saft und Sahne vertragen können. Ebenso "Sehnsucht", mein bisheriges Lieblingslied von 1991, dessen harmonisch höchst ausgeklügelte, eindeutig tasten-orientierte, filmmusik-ähnliche Struktur hier in der Blues-Gitarren-Version zwar gerader, aber auch deutlich flacher -und längst nicht so ergreifend- daherkommt. Also doch noch was zum Drüberzappen.

Umso schöner, daß es auch neue Lieder zu feiern gibt: "Ruhiger bei Dir" und "The Rescue" sind Klavierballaden der feinsten Art, Neubegegnungen zum Innehalten, zum Wieder- und Wiederhören, die mir längst ebenso ans Herz gewachsen sind wie so viele andere Cae-Songs zu vor. Wann werde ich endlich einmal die Möglichkeit haben, diese charismatische Sängerin live zu erleben? Vielleicht sollte ich mich doch einmal wieder um das Programm des Evangelischen Kirchentags bemühen,- dann wäre ich klüger...

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