Montag, 22. Juni 2015

Nie zu spät

Produkt-InformationPrince: Parade 


Warner Bros. Records 1988

Es gibt Erkenntnisse, die kommen nie. Das gilt auch für den musikalischen Bereich. Man kann problemlos eines Tages von der Lebensbühne abtreten, ohne jemals auch nur im Ansatz verstanden zu haben, warum sich manche Leute mehrere Stunden Free Jazz anhören. Oder warum andere bei Countrymusic feuchte Augen kriegen. Oder noch andere in lang anhaltende Euphorie geraten, weil sie Karten für 15 Stunden Wagner ergattern konnten.

Manches versteht man allerdings später,- später als andere zwar, aber doch. Ich zum Beispiel frage mich hin und wieder, warum die 80er so an mir vorbeigezogen sind. Neulich, bei einer vatertagsähnlichen Wanderaktion, als wir uns unter alten Freunden darüber unterhielten, wie sich Eindrücke und Vorlieben aus der Jugend wieder zu Wort melden und erneuern können, kam die Sprache auf Prince. Für viele einer der unsterblichen Superstar des Pop, war er für mich bislang ein weißes Blatt. Nun gut, nicht ganz weiß: Ich habe mich dann doch daran erinnert, daß sein Erfolgsschlager „Kiss“ für mich einer der Songs ist, der in den Party-Phasen, in denen die häufig eher leidgehörten 80er-Hits für Stimmung sorgen sollen, immer funktioniert. Alterslos funky, frisch und knackig mit seiner grandios kühlen Soundregie und den unverwechselbar fisteligen Vocaleinlagen. Das ist das Tolle in der Kunst: Originalität und Kreativität ist in allen Formen und Genres möglich. So nahm ich von der Wanderung den Entschluss mit nach Hause, mich doch noch mal mit dem Prince der 80er zu beschäftigen.

„Parade“ nun ist das begeisternde Ziel meiner Suche. Mir war klar: „Kiss“ musste unbedingt dabei sein, und die bekannten Suchmaschinen führten mich zuerst zu diversen Best-of-Alben. Sorry an alle Fans, aber da konnte ich nicht andocken: für meinen Geschmack zu synthetisch, zu eingängig, zu hitparadenorientiert, insbesondere auch in den ruhigeren Stücken. Zum Glück landete ich am Schluß bei dem Album, aus dem „Kiss“ seinerzeit ausgekoppelt: „Parade“. Drei Minuten später lag die musikalische Überraschung des Frühjahrs in meinem virtuellen Warenkorb. Welcher Pop-Banause meiner Prägung hätte das gedacht: ein Lied individueller, verrückter, geschickter gemacht als das andere.

Vorausgeschickt: die Produktionsbedingungen dieses Albums waren wohl sehr komfortabel. Aus anderen Amazon-Kommentaren erfuhr ich, daß das Album als Randprodukt eines Musikfilms entstand; das erklärt das schon beim ersten Reinhören positiv herausstechende Faktum, daß auch für kleinste Details akustische Instrumente verwendet wurden, statt auf das synthetische Soundarchiv zurückgreifen zu müssen . Und zwar nicht nur dann, wenn z.B. in der zweiten Strophe der großen, unverzichtbaren Liebesballade das große, unverzichtbare Streichorchester benötigt wird (wie hier in dem instrumentalen Intermezzo "Venus de milo"), sondern auch an Stellen, an denen es man in keiner Weise erwartet: wenn der knochentrockene Electro-Beat in "I wonder u" durch das Geblubber von echten Querflöten kontrapunktiert wird. Oder wenn in dem durchaus radiotauglichen "Girls and boys" ein wunderbar ironisches, wimmerndes Synthie-Solo auf die entspannt-rotzigen Einwürfe des Baritonsaxophons antwortet. Dieser Eindruck zieht sich durch das gesamte Album: eine solche schräge Vierspieltheit muß den Machern echt Spaß gemacht haben. Ich möchte mal versuchen, meine Begeisterung an drei Tugenden dieser Produktion festzumachen:

1. Kunst ist Spielen. Es geht nicht darum, ein Dutzend leichtverkäuflicher Top-Ten-Kandidaten aneinanderzuhängen, sondern um das Verwirklichen von Ideen. Spleens könnte man auch sagen. Träume? Ludwig der Zweite von Bayern fällt mir ein und seine absurden, schwärmerischen, dem Märchen entstiegenen Traum-Produkte: Bühnenkulissen zum Drinleben, dazu die Musik von Wagner: In einem Film steckte auch er? Es würde mich durchaus interessieren, ob Prince sein Volk, seine Fans, durch diese Produktion ebenso verloren zu gehen drohte wie dem Märchenkönig seinerzeit die Tuchfühlung zu seinem Volk. Konnte man sich bei Ersterscheinung dieses Kunstprodukts tatsächlich mit seinem Schöpfer identifizieren? Wie ist damals denn zum Beispiel Partnerschaft zwischen schrägen Streicherkaskaden, krudem Egitarrenjaulen und markigen Akkord-Einwürfen des Pianos in der Schlußrunde des ansonsten doch recht zugänglichen "Anotherloverholenholenyohead" angekommen? Über die Erinnerung eines Fans an die ersten Hörerlebnisse würde ich mich sehr freuen...

2. Kunst ist Kontakt. Dieses Album erzählt nämlich nicht nur von der Entäußerung persönlicher Verschrobenheiten, sondern auch von einer Annäherung seine Umgebung, von einer Begegnung: die filmische Grundlage nämlich spielt in Paris, und so lassen sich auch diverse Anklänge und Reminiszenzen an den französischen Chanson heraushören. Nicht im Sinne platter Zitate oder Stilkopien, sondern stets durch die eigene stilistische Brille gesehen, immer mit einem Hauch Verfremdung überzogen. Das kommt mir, der ich mich dem Chanson deutlich näher fühle als dem amerikanischen Dance-Pop, natürlich sehr entgegen. Und auch das Pariser Faible für Jazz mischt sich auf angenehm unprätentiöse Weise zwischen die Zeilen, besonders in der charmanten Swing-Ballade "Do U lie?", in der sich streichergestützte Bigband ganz pariserisch von den Girlanden eines Akkordeons umspielen lassen. Erstaunlich auch, wie viele Tonlagen Prince in diesem einen, kurzen Stück durchschreitet. Begegnung mit sich selbst?

3. Kunst ist Konzentration. Manche Musiker, die projektweise die Gelegenheit haben, mit einem Filmorchester aus dem Vollen zu schöpfen, er-schöpfen sich und die Hörer irgendwann mit einem dauerhaften Griff zum Tutti. Auch der Reichtum kann ermüden, das dürfte jeder Prinz wissen. Drum ist es wohl Merkmal jeden echten Adels, die Kunst der Konzentration und Reduktion zu beherrschen. Das muß noch nicht mal Understatement heißen: mancher Effekt zeigt sich umso attraktiver, je sparsamer seine Umgebung gestaltet ist. „Parade“ ist für mich ein Musterbeispiel guten Timings: die meisten Stücke sind eher so kurz, daß man ihr Vergehen bedauert, sämtliches Schmuckwerk, sämtliche Exzentrik ist so pointiert eingesetzt, daß sie interessiert, aber nicht erschlägt. Man erinnere sich an das knackige, prononcierte, perfekt getimte Gitarrensolo in "Kiss". Und zu guter letzt: "Sometimes it snows in April", eine mit Klavier und Westerngitarre wirklich handgemachte Ballade, die sich von Anfang bis Ende Zeit läßt, dezent mit delikaten harmonischen Finessen überrascht und bis zum Schluß ohne erpresserische Steigerungen, Modulationen, Ausstaffierungen auskommt. Ist das typisch Prince? Dann habe ich wirklich ein vollkommen falsches Bild von ihm gehabt...

Der Film "Under the cherry moon", so behaupten selbst eingefleischte Fans, sei kein Muß: eher ein egomanischer Selbstinszenierungstrip als echte Kunst. Nun, das klingt tatsächlich nicht so, als müsste ich ihn gesehen haben, die CD ist da schon Film genug. Schließlich zeigt mir das Hören, daß da doch wesentlich mehr Liebe im Spiel ist als bloße Eigen-Liebe: die Liebe zum Detail, zur Idee,zum Humor. Und zum Verlieben ist es bekanntlich nie zu spät.

Parade bei amazon

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