Montag, 1. Juni 2015

Entwaffnend

Produkt-Information Katrin Sass: Königskinder


edel 2013

Das kennen Sie sicherlich auch: daß Sie eine Musik mit einer bestimmten Landschaft oder einem besonderen Ort verbinden,- dem Ort, an dem Sie sie zum ersten Mal oder besonders intensiv oder besonders häufig gehört haben. Meine heutige Empfehlung gehört für mich in die brandenburgische Seenlandschaft, genauer gesagt nach Ferch an den Schwielowsee. Dort habe ich diese CD beim pfingstlichen Camping im letzten Jahr zum ersten Mal - und dann rauf und runter gehört. Am vergangenen Wochenende war ich mal wieder dort,- und dabei stiegen auch die alten Melodien wieder auf.

Die Platte passt ganz gut nach Brandenburg, finde ich, mit ihrem Charakter als "(ost)deutscher Liederzyklus", gesungen von der Schauspielerin, die ich vor allen anderen mit DDR-Themen verbinde. Möglicherweise mag Katrin Sass schon lange nicht mehr auf ihre Paraderolle als liebevoll hinters Licht geführte Mutter in "Goodbye Lenin" angesprochen werden, und doch werde ich sie wohl immer als solche vor mir sehen. Damals lag sie im Krankenbett und bekam beim Geburtstagsbesuch der Hausgemeinschaft von fiktiven Jungen Pionieren das Lied "Unsere Heimat" vorgeträllert: ein DDR-Klassiker, der mir (als wenig vorgebildeter Wessi) durch seine charmante Melodik und die originellen Taktwechsel sogleich als nachspielenswert auffiel. Nun singt Katrin Sass es selbst, und dazu viele andere Lieder, die in ein (n)ostalgisch-gesellschaftspolitisch engagiertes Liederbuch passen würden. Karats "Sieben Brücken" sind dabei, der poetische Ostrock-Klassiker "Als ich fortging" (mein Lieblingslied, gibt es übrigens auch in einer Version mit Sarah Connor), dazu, weit oberhalb der Mauer rübergesegelt, Reinhard Meys Fliegerballade "Über den Wolken". Desweiteren trifft Brechts "Mackie Messer" auf friedens- bzw. umweltpolitisch engagierte Liedkunst wie "Sag mir wo die Blumen sind" oder "Reichtum der Welt".

So ist also einiges dabei, das man selbst auch schon mal gesungen haben könnte, zur eigenen Gitarre oder der von den Kumpels, am Lagerfeuer, am Seeufer oder auf der Bettkante in der Studentenbude sitzend. Hätte man es denn auch so singen können, wie Katrin Sass es tut? In vielen Fällen: ja. Sie ist keine Sängerin und macht auch keine Anstalten, dies zu behaupten. Sie singt wie sie spricht, man wird ihre Stimme sofort erkennen: schlank, leicht und sehr kühl, in den hellen Vokalen bisweilen auffallend nasal. Sie hat (anders als so manche anderen Schauspieler-Sänger) weder Probleme mit den Tonhöhen, noch mit der Höhe, allerdings verfügt sie über wenig Farben in Klang und Ausdruck, phrasiert bisweilen geradezu ungeschickt, wird in der Emphase ziemlich eng und auch ein bißchen platt.
Das klingt nicht gerade nach Werbung, ich weiß. Warum also sollte man sich diese CD anhören? Weil sie echt ist. Katrin Sass singt Lieder, die ihr wirklich etwas bedeuten, und sie tut das auf ungeschönte, authentische, grundehrliche Weise, wie Du und Ich es auch könnten. Sie wendet keine unlauteren Mittel an: sie überwältigt nicht mit emotionalem Pathos, sie rechtfertigt sich nicht mit agitativem Impetus, sie kokettiert weder mit intellektuellem Gestus noch mit Schlafzimmer-Geflüster (wie so manch andere "Sängerin ohne Stimme"). Man kann das zu wenig finden...

...und ich denke, ich würde die CD auch nicht so lieben, wenn die Instrumentalisten nicht wären. Das, was die Gruppe um Hans-Dieter Lorenz (Kontrabass), Uli Moritz (Drums und Percussion), Joo Kraus (Trompete und (wunderbar!) Flügelhorn) und den Spiritus Rector Henning Schmiedt (der in all seiner Vielseitigkeit nicht zum letzten Mal in einer Rezension auftauchen wird...) aus den altbekannten Liedern herausholen, ist vom Feinsten. Aus dem Jazz kommen sie, verwandeln die "Brücken" in einen schillernden langsamen Blues, lassen die Heimat aus folkloristischer Lyrik in groovigen Akustik-Rock hineinwachsen, zaubern (mit Hilfe des im Ost-Chanson alles andere als unbekannten Cellisten Jens Naumilkat) sowohl klassisch fundierte Kammermusik als auch saftigen Tango im Piazolla-Stil. Als Basis für letztere dienen u.a. auch die fünf Repertoire-Neuzugänge: Lieder, die für die Fernsehserie "Weissensee" neu komponiert wurden, vornehmlich mit kritischen Untertönen und reichlich Melancholie - wie zum Beispiel die titelgebende Ballade "Königskinder", welche das Drama der unglücklich Liebenden als Maueropfer-Tragödie nacherzählt. Das ist sprachlich sehr einfach, geradezu kunstlos, aber gerade dadurch entwaffnend ehrlich und direkt. Entwaffnung: das ist schließlich eine der Hauptzielrichtungen dieser CD, die ich eigentlich noch eine richtige "Schallplatte" ist.

Resumee? Es gibt viele Gründe, an dieser CD vorbeizugehen, ohne etwas zu vermissen. Sie ist eine Einladung, irgendwo am Wegesrand in der Seenlandschaft Brandenburgs, die man bemerken kann oder nicht. Wenn man sich aber auf sie einläßt, kann Neugier, Wiedererkennen - und eine lange, echte Freundschaft entstehen.

(War das jetzt doch zu pathetisch?)

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