Edyta Geppert:
Pytania do ksiezyca
PolyGram Polska 1997
Liebe Edyta,
Gleich fahre ich los, nach Wroclaw. Ich freue mich schon riesig auf ein paar Tage Freizeit, Kultur, Kulinarik, Atmosphäre in schöner Altstadtkulisse. Mein letzter Besuch im Dezember war ja ganz konkret mit Deinem Kommen abgestimmt, nachdem ich Dich schon zwei Mal ganz knapp verpasst hatte. Einmal war Dein Konzert drei Tage, einmal drei Wochen später gewesen, wie ärgerlich. Gut, daß ich Deine musikalischen Reisen heutzutage auf Deiner Website verfolgen kann, das macht es wirklich einfacher.
Du wirst Dich nicht an mich erinnern. Dabei saß ich im Konzert in der ersten Reihe, genau in der Mitte. Witzig, daß genau da noch ein Platz frei war. Ich war derjenige, der am wenigsten mitgelacht hat. Einfach deswegen, weil ich kein einziges Wort verstanden habe. Außer „Danke“ und „Guten Abend“ vielleicht. Und daß der ältere Herr an Deiner Seite, der sich meines Erachtens viel zu viel Zeit für seine Moderationen gelassen hat, Dein Gatte war, musste mir auch meine Nachbarin erklären. Auf Englisch natürlich.
Was mich Jahr für Jahr mit so großer Begeisterung nach Polen führt, hat durchaus viel mit Musik zu tun. Und Du bist für mich der Ausgangspunkt von alledem. Vielleicht kennst Du so einen Gedanken ja auch: wenn ich nicht (nachweislich) in Soundso geboren wäre, müsste ich eigentlich aus … sein, allein von der Musik her. Ganz ohne Übertreibung: Ich bin musikalisch noch in keinem anderen Land so fündig geworden wie in Polen. Ihr habt so eine ganz bestimmte Stilmischung, die sich irgendwo zwischen Chanson und Jazz ansiedelt, manchmal mit ein bißchen Folk, manchmal mit Kabarett oder Soul durchsetzt, aber immer ganz unverwechselbar polnisch: das scheint wie für mich persönlich gemacht zu sein. Wenn ich einmal im Jahr die Regale in den Breslauer CD-Läden nach mir unbekannten Alben durchstöbere, weiß ich schon: stilistisch gefällt mir mindestens die Hälfte. Und die Sprache? Wie gesagt: Ich verstehe kein Wort, in meinen Ohren hat die zischelnde Lautfolge jedoch etwas sehr Intimes, Zerbrechliches, passend zu den feinsinnigen musikalischen Frakturen. Und die Verbundenheit, die mir allerorten zu den Textdichtern entgegenklingt, verleiht mir die Überzeugung, daß da auch textlich viel Poetisches, Tiefgründiges rüberkommt.
Und Du hast mich damals auf den Geschmack gebracht, bei unserem ersten Polenurlaub vor 15 Jahren in Masuren. Schon im Olsztyn haben ich Deinen Covern angesehen, daß das Musik für mich sein würde, in Suwalki habe ich dann trotz des recht hohen Preises zugegriffen: in der Zeit vor Amazon hatte man noch lernen müssen, sich schnell zu entscheiden. Deine Stimme war genau so, wie ich es mir vorgestellt hatte: einfach aufgrund der optischen Ähnlichkeit hatte ich Dich irgendwo zwischen Barbara Thalheim und Chava Alberstein angesiedelt: warm, fraulich, und dennoch mit Kern und Mut zur Deutlichkeit. Bis heute bist Du stimmlich meine liebste polnische Sängerin geblieben: niemals beginnst Du zu säuseln, zu hauchen, zu quetschen (all das, was viele weiße Sängerinnen tun, wenn sie jazziger, cooler klingen wollen). Das, was Du singst, bleibt bis in alle Poren: Lied. Du bleibst Dir in Deinen Alben treu, anders als viele Deiner Kolleginnen wagst Du nicht viele Experimente. Deine Kooperationen mit führenden Jazz-Pianisten Deines Landes (z.B. im Album "Moje Krolestwo") gelten für mich als das Optimum, überaus verdichtet, unschlagbar intensiv.
Dennoch möchte ich heute bei "Pytania..." bleiben, meiner Einstiegsdroge. Eine Musik wie die masurische Landschaft: weit, eben, mit viel Ruhe und Tiefe, ohne explosive Sensationen, ohne plötzliche Überraschungen, dafür aber mit einer schnell sich einstellenden Vertrautheit. Und: eine kaum beschreibbare (Gast-)Freundlichkeit und Wärme, vielleicht sogar Mütterlichkeit. Im Zentrum steht die Gitarre, ein wenig Joni Mitchell, ein wenig Sara K. klingt da durch, ein bißchen Bossa Nova auch, der zarten Weise. Das ganze mit dezentem Jazz- oder auch Blues-Feeling, aber ohne Nachdruck, ohne Prädikat, einfach aus sich heraus. Alle anderen Instrumente reihen sich dezent ein, ein bißchen Percussion, eine unbeschwert swingende Mundharmonika. Am meisten beeindruckt mich der Pianist: die Verantwortung an die Gitarre abgebend, kann er sich zurücklehnen, spielt hier und da auf leichtfingrigste Weise jazzige Schnörkel und Girlanden hinein, sorgt für maximale Transparenz und Entspanntheit selbst in der Improvisation. Das sind Tugenden, die zwanzig Jahre später bei Norah Jones als so wohltuend und erfrischend empfunden wurden.
Die Lieder selbst: sind richtige Lieder, mit großem Reichtum an weitausschwingenden melodischen Wendungen, harmonisch in abgedunkelte Farben eingetaucht, mit Potenzial zur Zeitlosigkeit. Das transportiert sich auch beim Live-Eindruck: schon mit den ersten Tönen überträgt sich das Erkennen und die mit dem Lied verbundene Geschichte aufs Auditorium, das ganze Publikum singt (innerlich, aber spürbar) mit bei den traurigen, freundlichen, hoffnungsfrohen kleinen Perlen. Und was sich schon von der CD aus vermittelt, wird auf der Bühne umso deutlicher: Du bist auch eine Schauspielerin, Edyta. Jedes Lied ist eine kleine Szene, eine Tragödie oder auch ein Sketch, den Du vorführst, durchlebst.
Seit Langem warte ich schon auf eine neue Aufnahme, auf neue Lieder, neue Geschichten. Vielleicht lerne ich auch mal ein bißchen polnisch dafür. Und vielleicht werde ich ja jetzt in Wroclaw fündig. Bis dann!
Edyta bei Amazon
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