Sonntag, 1. März 2015

Flower Power

Produkt-InformationIl Giardino Armonico:

Bach Biber Corelli Locke 
Monteverdi Rossi Vivaldi

11 CDs, Warner Classics, 2006

Und: sind Sie schon im Frühling angekommen? Oder der Frühling bei Ihnen? Und wie fühlt sich das an: So ähnlich zart wie „leise klingt durch mein Gemüt“ bei Heinrich Heine, oder kraftvoller, eine Explosion von Farben, Düften, Assoziationen?

Ich mag den Frühling gerne frisch - und lande musikalisch (Schubert und Strawinsky am Wege lassend) doch am ehesten bei Vivaldi. Nicht gerade orginell, das gebe ich zu. Aber gute Stücke werden nicht schlechter dadurch, daß man in Gefahr läuft, sich ihrer leidzuhören. Und „Die vier Jahreszeiten“ müssen ja durchaus nicht so klischeehaft glatt und dauerlächelnd daherkommen, wie man das aus ihrer vielfachen Vermarktung gewohnt ist. Denn nicht nur in den Takten des Sommergewitters oder in den zerrenden Kälteschüben und Schneeböen des Winters ging es Vivaldi weniger um schmerzfreie Hintergrundberieselung als um das Erlebnis von Naturgewalten. Launisch, beunruhigend, fesselnd.

Natürlich benötigt man auch eine gewisse Art von Temperament, um diese unterschiedlichen Temperaturen auf den Hörer übertragen zu können, und da ist es begrüßenswert, daß sich in der zweiten bis dritten Generation der Originalklangbewegung auch die Italiener zurückgemeldet haben. Allen voran Giovanni Antonini und sein Ensemble „Il Giardino Armonico“, die den Vivaldi-Dauerbrenner mit einer der flammendsten Lesarten angehen, voller Kontraste, voller subtiler Zwischentöne. Auch diejenigen, die die Stücke in und auswendig zu kennen meinen, werden die ein oder andere Neuentdeckung machen können. So herrscht im Garten der „Giardino“s ein Blütenzauber der Überraschungen: was wo aus der Erde herausbricht, wie sich altbekannte Farben neu mischen.

Da man in diesem Garten gerne immer wieder vorbeikommt, lohnt sich die hier vorgestellte Sammelbox diverser Aufnahmen aus den Jahren 1991 bis 2001 (wohlgemerkt: zum Preis einer Doppel-CD!) ganz besonders. Ihre Spezialitätenliste enthält (so wie die Speisekarte jedes guten Italieners) schwerpunktmäßig Heimisches: viel Vivaldi (Kammerkonzerte, Duo- und Triokonzerte), Neapolitanische Musik in Kammerbesetzung (von Scarlatti und anderen), eine Zusammenstellung der bekanntesten barocken Weihnachtskonzerte (von Corelli, Manfredini undsoweiter, vom Hören kennen Sie das sicherlich!) und eine wunderbare „Viaggio Italiana“ durch kleine, kurze frühe Meisterwerke, eine Antipasti-Platte der erlesensten Sorte, die kräftig Hunger auf mehr macht.

Wie viel Spaß es bringt, sich von diesem Ensemble an die Hand nehmen und von Kostbarkeit zu Kostbarkeit führen zu lassen, durfte ich unlängst mal wieder live erleben, mit einer 8-Euro-Podiums-Karte, fast zwischen den Musikern sitzend. Blütenduft hautnah sozusagen. Und es war spannend, genau zu sehen, wie sich Antoninis tänzerische, sprungkräftige Bewegungssprache im Dirigieren und Flöten direkt auf seine Mitstreiter überträgt. Von soviel Elan können die Deutschen profitieren,- dabei meine ich nicht nur die Zuhörer, sondern auch die Komponisten. Denn auch Antoninis Lesarten von Biber, Bach und Consorten können sich hören lassen: selten sind die Brandenburgischen Konzerte -oder auch der Kanon von Pachelbel- so undogmatisch, elastisch und spielfreudig zu hören wie hier.

Eine gute Mischung aus wohlbekannten Höhepunkten des barocken Kulturschatzes und seltenen Blüten gießt sich hier also über uns aus, und es bleibt atmosphärisch durchaus nicht nur beim Frühling. Aber die 11 1/3 Stunden Spielzeit dürften wohl ohnehin eine ganze Weile reichen.

1 Kommentar:

  1. Musik weckt Assoziationen, so habe ich mich treiben lassen von deinem Text. Hängengeblieben bin ich beim Pachelbelkanon, einmal mehr in meinem Leben und stelle fest, dass es wirklich eine erfrischende neue Version dieses abgenudelten Stückes ist, die Giardino Amornico uns da bietet... ich höre weiter zu und werde von der Art der Interpretation an King's Noise Tarantella erinnert. Ewig habe ich dieses Stück nicht gehört. Ewig habe ich auch nicht die Erinnerungen gehabt, die an dieses Stück gebunden sind... Hier einmal für alle der Link:
    https://www.youtube.com/watch?v=xbhmXZQM3ZI

    Würde ich weiter schwelgen, wer weiß, wo es mich hinbringen würde....

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