Sonntag, 22. Februar 2015

Fastenspeise

Produkt-Information Björk: Unplugged 


MTV 1994, div. Verlage 

Eine Frage: Verzichten Sie gerne? Und wenn nein, tun Sie es trotzdem manchmal? Und wenn ja, auf was? Auf die Sahne auf dem Kuchen, auf das Popcorn im Kino, auf das Carne im Chili?

Mit dem Aschermittwoch hat gerade ja die Fastenzeit begonnen. Manche machen jetzt sieben Wochen ohne: mal gucken, ob oder wie lange man auskommt – ohne Süßes, Prozentiges, Verrauchtes. Weniger ist mehr, heißt es ja so häufig, stimmen tut das durchaus nicht immer. Aber manchmal.
                    
Auch in der Musik gibt es immer mal wieder Wellen der Zurückhaltung. „Wir brauchen das alles nicht,“ sagt man zum Beispiel – und rauskommen tut etwas, das man „unplugged“ nennt: mal auf alle elektronischen Effekte, Weichmacher, Vergrößerer verzichten und zurückkehren zu den traditionellen akustischen Instrumenten. Beachtlich ist, dass sich gerade der kommerzielle Musik-Clip-Sender MTV seinerzeit (d.h. ab Ende der 80er) für dieses musikalische Fasten-Programm stark gemacht und in lockerer Folge einer Vielzahl solcher Projekte live produziert hat. Die Teilnehmer dieser Konzertreihe lesen sich wie das Who-is-who der internationalen Popgegenwart. Manche Livemitschnitte konnten sich auch auf dem CD-Markt gut behaupten: Eric Clapton’s Album „Unplugged“ ist legendär, aber auch Rod Stewart, Herbert Grönemeyer, Die Fantastischen Vier und viele andere haben dank MTV ihre Discographie auch langfristig bereichert.

Fasten kann neue Energien freisetzen, Not macht erfinderisch. Am besten lässt sich das bei einer Künstlerin beobachten, die auch sonst nicht gerade unkreativ ist: bei der isländischen Sängerin Björk. „Unplugged“ heißt für sie nicht einfach, Keyboards durch Klavier oder Akkordeon zu ersetzen und elektrische Gitarre durch akustische. Björk stellt alles auf den Kopf, was man sonst aus der Popmusik gewohnt ist. Sie, die sonst gerne mal zum dicken Sound und zur großen Geste greift, schnürt ihren Liedern (1 Jahr nach ihrem ersten Soloalbum "Debut") hier ein ganz anderes, kammermusikalisches Gewand.

Was für eine großartige Idee, die elektronischen Klangschwaden von "One Day“ durch ein indonesisches Gamelan-Orchester zu ersetzen. Die sphärischen Klänge von „Come to me“ hingegen entstammen dem Anreiben gefüllter Wassergläsern, begleitet und umspielt durch die barocke Friedrich-der-Große-Kombination von Querflöte und Cembalo und rhythmisch unterfüttert durch indische Tablas (die in den meisten Stücken des Albums die herkömmlichen Electro- oder Schlagzeugbeats ersetzen). Auf „Aeroplane“ ist es ein Saxophon-Trio, das die Syntheziser-Stimmen übernimmt, und dabei in so diffuser, kunstvoller Polyphonie daherkommt, dass man sich in einem Konzert für neue Musik wähnt: bis dann das afrikanisch anmutende, perlende Marimbaphon einsetzt. Fast noch beeindruckender finde ich jedoch effektarme Stücke wie „Big time sensuality“, in der Björk beweist, dass man für einen Groove kaum mehr als eine Handvoll Töne auf einer Truhenorgel benötigt (ein Instrument, mit dem sonst Kirchenchoräle und Chorkonzerte begleitet werden): Weniger geht kaum.

Die Sängerin selbst, mit einem Ebenso-Wenig aus zitronengelbem Kleidchen umhüllt, hüpft zwischen dem bizarren Instrumentarium hin und her wie Alice im Wunderland, geht stimmlich in die Vollen (wie das so ihre Art ist) und hat alles sichtlich voll im Griff. Große Kunst, finde ich.
Sich das ganze Konzert auf DVD anzusehen, lohnt sich also, zumal die CD-Ausgabe pekuniär deutlich tiefer in die Tasche greifen lässt. Preislich ist das leider kein Vergleich zu Björks herkömmlichen Studio-Produktionen, die mittlerweile allesamt als Schnäppchen zu haben sind. Fasten muß man sich halt leisten können.

1 Kommentar:

  1. Ist das Weltmusik: ein bißchen Indien, ein bißchen mehr Jan Garbarek und alles in zitrone gequetscht?

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