Sonntag, 29. März 2015

Einer für Alle

Produkt-InformationIdan Raichel Projekt:

Quarter to Six


Helicon 2013

Idan Raichel erzählt gerne. Locker über das Klavier geneigt, dem Publikum zugewandt, kommt er ins Plaudern, über seine Familie, über Begegnungen, die ihn berührt haben, über Musik. Darüber, daß Lieder zu verbindenden Traditionen, zu Volksgut werden können. Da fällt ihm spontan ein Lied ein hebräisches Lied ein, das er vor Kurzem in Israel im Radio gehört hat. Er spielt es aus dem Gedächtnis auf dem Klavier an, dann lädt er sich auf seinem Smart-Phone den Text herunter und singt dem Publikum den Refrain vor: Alle sollen mitmachen. Den überraschten Musikern aus der Band deutet er an, wie er sich Tempo, Begleitrhytmus und Baßlauf vorstellt. Dann kann's losgehen: ein Lied mit vier oder fünf Strophen, jede um einen Halbton nach oben moduliert. Die Band geht mit, ohne Ruckeln und Klappern, wie EIN Organismus. Und das Publikum erlebt: so kann Musik sein. Spontan, organisch, verbindend. Da entsteht etwas, von dem fünf Minuten vorher selbst der Hauptakteur noch nichts wußte. Und danach ist die gesamte Atmosphäre im Raum wie verwandelt.

Idan Raichel ist kein Einzelgänger, er schöpft aus der Beziehung heraus. Aus der Beziehung zur Tradition, aus der Beziehung zum Publikum, aus der Beziehung zu seinen musikalischen Freunden. Alleine auf der Bühne (ein Mann, ein Klavier) könnte ich ihn mir nicht so gut vorstellen: eine gewisse Blässe hat er schon. Selbst sein Klavierspiel, bei aller Virtuosität und allem Ideenreichtum in seinen Kompositionen, wirkt auf Dauer etwas „einfarbig“. Doch was für ein toller Gastgeber ist er, was für ein gutes Händchen hat er dabei, gute, vielseitige, mitreißende Musiker um sich zu scharen und aus einem Konzert ein Fest werden zu lassen. Neben der gebürtigen Kubanerin Maya Avraham und der äthiopisch-stämmigen Soulröhre Cabra Casey steht plötzlich Andreas Scholl auf der Bühne, Deutschland beliebtester Altus, Veredler vieler Alte-Musik-Aufnahmen der letzten 20 Jahre. Diese Konzert-Begegnung war eine Spontanidee unter Freunden, Scholl selbst wirkt ganz privat, in T-Shirt und Jeans, ohne Auftrittsgestus. Gemeinsam zaubern sie das leise „In stiller Nacht“, ein Lied, in dem Raichel für Scholl den Text eines Brahms-Liedes neu vertont hat. Das klingt ziemlich klassisch, sehr intim, ein stiller Moment an diesem Konzertabend in der Berliner Synagoge.

Und für mich ist das der letzte, ausschlaggebende Punkt, mir noch am gleichen Abend Raichels neuestes, drittes Album zuzulegen, auf dem „In stiller Nacht“ in einer Studio-Version vertreten ist. Fülliger, packender klingt es da, ein bißchen mehr nach Filmmusik. Und wird in dieser Form zum Ohrwurm und inneren Soundtrack für mehrere Wochen.
So ein Studio-Album kann ein Live-Erlebnis natürlich weder ersetzen noch kopieren. Auf CD klingen die Lieder weniger jazzig, weniger verspielt als an jenem Abend vor einem halben Jahr, dafür ein wenig mehr nach Hintergrundmusik und Radiotauglichkeit. Was aber trotzdem ungemindert rüberkommt, ist des schöpferischen Musikers offenes Ohr: Für die Themen der Zeit und seines Volkes, für die unterschiedlichen sprachlichen und kulturellen Hintergründe der Menschen in seinem Land, für ihre Sehnsüchte und ihre Lieder. Selten findet man auf einer CD eines einzelnen Liedermachers eine solche Vielzahl an guten Melodien,- die aber nicht für allein sich stehen, sondern abgelauscht scheinen, nicht zuletzt dem Idiom und der Mentalität der beteiligten Gastsänger.

Sensationell, wie sich Raichel in „Sabe Deus“, das er für die portugisische Sängerin Ana Moura geschrieben hat, in den Fado einfühlen kann: eine Melodie, die es Wert ist, von allen Meisterinnen ihres Fachs ins Repertoire aufgenommen zu werden. Ganz anders, aber nicht weniger berührend das kleine afro-französische Liebeslied „Mon Amour“ aus der Kehle des Sängers Vieux Farka Touré aus Mali, lächelnd und tieftraurig gleichzeitig, unübertroffen in seiner Bescheidenheit und Natürlichkeit. Daneben das rassige, tanzbare, arabische „Ana Ana wa Enta Enta“, von der Palästinenserin Mira Awad (in der Eurovision 2009 gemeinsam mit der Jüdin Noa aufgetreten) mehr als mitreißend dargeboten. Und: eine Vielzahl an kleinen, feinen, immer etwas melancholischen hebräischen Liedern, über Träume, Sehnsüchte, Hoffnung, Liebe - und Versöhnung, mit der Welt, mit seinen Nächsten, aber auch sich selbst und dem eigenen Sein, ins Leben gehaucht von Raichel selbst und SängerInnen wie Idan Haviv, Tamir Nachshon, Anat Ben Hamo, Liat Zion und anderen, begleitet von Gitarren, ein wenig Percussion, ein wenig Keyboard, dazu arabeske Flöten und Lauten sowie die Wärme eines kleinen Streichensembles. Das international editierte Booklet läßt durch seine englischen Übersetzungen auch zu Raichels feiner poetischer Sprache Zugang finden. Noch ein Anspiel-Tipp: der hübsche, zarte Opener "Yored Ha'Erev": „Evening falls“.

Israel ist bunt und vielschichtig, ein Land, das man aus unterschiedlichsten Perspektiven betrachten kann (und vielleicht auch muß). Idan Raichel gelingt eine solche Haltung auf musikalischer Ebene mit „Quarter to Six“ nun schon zum dritten Mal, auf unvergleichlich freundliche, integrative, verschwisternde Art und Weise. Eine gute Art, um in der kommenden Karwoche auf Jerusalem zu blicken. Und auch auf vieles andere, was uns in uns und um uns herum an Zerrissenem und Versöhnungsbedürftigem bewegen mag.

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