Sonntag, 15. März 2015

Große Oper

Produkt-InformationFreddie Mercury & 

Montserrat Caballé:  

Barcelona


Polydor 1988

Können Sie sich an Ihre erste CD erinnern? War sie das Objekt eines lang gehegten Wunsches, ein Zufallskauf, ein Überraschungs-Geschenk? Ist sie heute noch Teil Ihres Haushalts, oder ist sie längst der Ausmistung oder Digitalisierung zum Opfer gefallen?

Meine erste CD macht mir gerade Druck. Sie mahnt an, daß ich mich ständig um meine Neuerwerbungen, meine neuen Fundstücke kümmere. Dabei habe sie einen wesentlich größeren Teil meines Lebens mit mir verbracht. Die neueste CD wird nicht allzu lange die neueste bleiben, die erste bleibt es jedoch auf ewig.
Drum möchte ich sie, dem schlechten Gewissen nachgebend, heute einmal ausreichend würdigen. Ich habe sie mir vor fast 25 Jahren, im Zuge der Umstellung von Kassette auf CD, ganz bewußt als Grundstein meiner Sammlung gekauft. Ein Liebesbeweis.

Warum will sie die erste sein? Tatsächlich hat sie etwas Aufdringliches, etwas Auftrumpfendes an sich, an dem man schwer vorbei kommt,- außer wenn man es ganz abschaltet. Leise anhören kann man sie nicht, ohne sofort von ihr genervt zu sein, sie braucht die volle Aufmerksamkeit. Zwei Rampensäue sind da am Werk, „Divas in Concert“ könnte man auch sagen, und das muß schwelgen und krachen im Breitwandsound, sonst funktioniert es nicht. Schon eine großartige Idee, diese beiden Künstler zusammenzubringen: Freddie Mercury, 1991 verstorbener Leadsänger der Gruppe „Queen“, meiner Meinung nach der stimmgewaltigste Rocksänger des letzten Jahrhunderts, und Montserrat Caballé, die spanische Opernsopranistin, die nicht nur kompatibel war mit diversen Unterhaltungsmedien ihrer Karrierezeit (schon mit wenigen Tönen konnte sie eine ganze Wetten-Daß-Gemeinde für Puccini gewinnen), sondern auch für Kenner italienischer Belcanto-Opern (Bellini, Donizetti, Verdi) in die vorderste Reihe gehört. Arrangiert wurde diese Begegnung in den 80er Jahren, zu einer Zeit, wo Crossover noch nicht überall auf der Tagesordnung stand.

Was dabei herausgekommen ist, bietet viel Stoff für Diskussion. Ein befreundeter Opern- und Caballé-Anhänger trennte sich von dieser CD mit größter Verärgerung über die „sinnlose Produktion schöner Töne“, das Hausieren-Gehen mit dem eigenen Stimm-Gold ohne jegliche ernsthafte künstlerische Aussage. Stimmt, ein seriöses Werk ist „Barcelona“ nicht. Dafür herrscht hier jedoch maximale Spiel- und Verkleidungsfreude. Alles das, was sich schon in den Songs von Queen (insbesondere „Bohemian Rhapsody“, dem Inbegriff des opernhaften Rocksongs) als grenzensprengend klassisch ambitioniert zeigte, kennt hier kein Halten mehr. Der Komponist Mercury packt hier alles aus, was er an formalen und harmonischen Finessen zu bieten hat und suhlt sich geradezu in den Möglichkeiten, die ihm die Kombination aus Rockband, queen-typischer Stimmenvervielfachung und großem Sinfonieorchester bietet. So sprühen und explodieren diese Songs vor Ideen, harmonischen Farben, extravaganten Wendungen.

Der Titelsong „Barcelona“ kommt mit seinem lautstarken Profil und seiner relativen Schlichtheit in Melodie und Harmonik noch relativ plakativ und vordergründig daher. In „La Japonaise“ ist es schon anerkennenswert, wie gut sich Mercury seine Musiker in die Klangsprache einer der Paraderollen seiner Partnerin, „Madame Butterfly“, einzufühlen vermögen: man könnte dies geradezu als Verbeugung verstehen.
Mein Lieblingslied hingegen war schon immer „The Fallen Priest“, ein hochdramatisches Machwerk, das mit einer filmmusikähnlichen Tour-de-force-Jagd von Klavier und Orchester beginnt- und sich dann über eine melancholisch-balladenhafte Strophe zu einem wuchtigen Refrain mit atemberaubenden Tonsprüngen aufschwingt. Eine großartige Gelegenheit für Mercury, sich in seiner ganzen selbstverzehrenden Präsenz stimmlich zu entäußern. Seiner Partnerin Caballé kommen da tatsächlich eher die zum Teil fast instrumental geführten, ornamentalen oder legierenden Aufgaben zu,- meines Erachtens ein sehr reizvoller Kontrast.

Überhaupt sind es in diesem gesamten Album besonders die von Gegensätzen geprägten Gegenüberstellungen, Übergänge und Überblendungen, die bei mir zwar längst nicht mehr Überraschung, wohl aber immer wieder wohlige Schauer und Gänsehaut auszulösen vermögen. So zum Beispiel die Stelle im Stück „The Golden Boy“, an der vollkommen unvorbereitet, mit den Worten „and then he said to her“ ein volltönender Gospelchor einsetzt; wunderbar, wie dieser dem ganzen Ensemble wahrlich einheizt. Ähnlich bemerkenswert finde ich den Kunstgriff, die zarte Ballade “Guide me home" in den am deutlichsten queen-ähnlichen Rocksong „How can I go on“ hinüberzumodulieren (deren Refrain-Melodie mit ihrer pentatonischen Bauart wiederum asiatisch klingt und dadurch einen Rückbezug zu „La Japonaise“ eröffnet).

Ein Kaleidoskop also, aus verschiedenen Stilen, Stimmungen, Bausteinen, Farben, manchmal überdreht, manchmal überladen, mit vielen Scheinwerfern vergrößert an die Hauswand geworfen – und dabei einfach Laune machend. Große Oper halt.

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