Freddie Mercury &
Montserrat Caballé:
Barcelona
Polydor 1988
Können Sie sich an Ihre erste CD
erinnern? War sie das Objekt eines lang gehegten Wunsches, ein
Zufallskauf, ein Überraschungs-Geschenk? Ist sie heute noch Teil
Ihres Haushalts, oder ist sie längst der Ausmistung oder
Digitalisierung zum Opfer gefallen?
Meine erste CD macht mir gerade Druck.
Sie mahnt an, daß ich mich ständig um meine Neuerwerbungen, meine
neuen Fundstücke kümmere. Dabei habe sie einen wesentlich
größeren Teil meines Lebens mit mir verbracht. Die neueste CD wird
nicht allzu lange die neueste bleiben, die erste bleibt es jedoch auf ewig.
Drum möchte ich sie, dem schlechten
Gewissen nachgebend, heute einmal ausreichend würdigen. Ich habe sie
mir vor fast 25 Jahren, im Zuge der Umstellung von Kassette auf CD,
ganz bewußt als Grundstein meiner Sammlung gekauft. Ein
Liebesbeweis.
Warum will sie die erste sein?
Tatsächlich hat sie etwas Aufdringliches, etwas Auftrumpfendes an
sich, an dem man schwer vorbei kommt,- außer wenn man es ganz
abschaltet. Leise anhören kann man sie nicht, ohne sofort von ihr
genervt zu sein, sie braucht die volle Aufmerksamkeit. Zwei
Rampensäue sind da am Werk, „Divas in Concert“ könnte man auch
sagen, und das muß schwelgen und krachen im Breitwandsound, sonst
funktioniert es nicht. Schon eine großartige Idee, diese beiden
Künstler zusammenzubringen: Freddie Mercury, 1991 verstorbener
Leadsänger der Gruppe „Queen“, meiner Meinung nach der
stimmgewaltigste Rocksänger des letzten Jahrhunderts, und Montserrat
Caballé, die spanische Opernsopranistin, die nicht nur kompatibel
war mit diversen Unterhaltungsmedien ihrer Karrierezeit (schon mit
wenigen Tönen konnte sie eine ganze Wetten-Daß-Gemeinde für
Puccini gewinnen), sondern auch für Kenner italienischer
Belcanto-Opern (Bellini, Donizetti, Verdi) in die vorderste Reihe
gehört. Arrangiert wurde diese Begegnung in den 80er Jahren, zu
einer Zeit, wo Crossover noch nicht überall auf der Tagesordnung
stand.
Was dabei herausgekommen ist, bietet
viel Stoff für Diskussion. Ein befreundeter Opern- und
Caballé-Anhänger trennte sich von dieser CD mit größter
Verärgerung über die „sinnlose Produktion schöner Töne“, das
Hausieren-Gehen mit dem eigenen Stimm-Gold ohne jegliche ernsthafte
künstlerische Aussage. Stimmt, ein seriöses Werk ist „Barcelona“
nicht. Dafür herrscht hier jedoch maximale Spiel- und
Verkleidungsfreude. Alles das, was sich schon in den Songs von Queen
(insbesondere „Bohemian Rhapsody“, dem Inbegriff des opernhaften
Rocksongs) als grenzensprengend klassisch ambitioniert zeigte, kennt
hier kein Halten mehr. Der Komponist Mercury packt hier alles aus,
was er an formalen und harmonischen Finessen zu bieten hat und suhlt sich geradezu in den Möglichkeiten, die ihm die
Kombination aus Rockband, queen-typischer Stimmenvervielfachung und
großem Sinfonieorchester bietet. So sprühen und explodieren diese
Songs vor Ideen, harmonischen Farben, extravaganten
Wendungen.
Der Titelsong „Barcelona“ kommt mit
seinem lautstarken Profil und seiner relativen Schlichtheit in
Melodie und Harmonik noch relativ plakativ und vordergründig daher.
In „La Japonaise“ ist es schon anerkennenswert, wie gut sich
Mercury seine Musiker in die Klangsprache einer der Paraderollen
seiner Partnerin, „Madame Butterfly“, einzufühlen vermögen: man
könnte dies geradezu als Verbeugung verstehen.
Mein Lieblingslied hingegen war schon
immer „The Fallen Priest“, ein hochdramatisches Machwerk, das mit einer
filmmusikähnlichen Tour-de-force-Jagd von Klavier und Orchester
beginnt- und sich dann über eine melancholisch-balladenhafte Strophe
zu einem wuchtigen Refrain mit atemberaubenden Tonsprüngen
aufschwingt. Eine großartige Gelegenheit für Mercury, sich in
seiner ganzen selbstverzehrenden Präsenz stimmlich zu entäußern. Seiner Partnerin Caballé kommen da tatsächlich eher die zum Teil fast
instrumental geführten, ornamentalen oder legierenden Aufgaben zu,- meines Erachtens
ein sehr reizvoller Kontrast.
Überhaupt sind es in diesem gesamten
Album besonders die von Gegensätzen geprägten Gegenüberstellungen,
Übergänge und Überblendungen, die bei mir zwar längst nicht mehr
Überraschung, wohl aber immer wieder wohlige Schauer und Gänsehaut
auszulösen vermögen. So zum Beispiel die Stelle im Stück „The Golden Boy“, an der vollkommen unvorbereitet, mit den Worten „and
then he said to her“ ein volltönender Gospelchor einsetzt;
wunderbar, wie dieser dem ganzen Ensemble wahrlich einheizt. Ähnlich
bemerkenswert finde ich den Kunstgriff, die zarte Ballade “Guide me home" in den am deutlichsten queen-ähnlichen Rocksong „How can I go on“ hinüberzumodulieren
(deren Refrain-Melodie mit ihrer pentatonischen Bauart
wiederum asiatisch klingt und dadurch einen Rückbezug zu „La Japonaise“
eröffnet).
Ein Kaleidoskop also, aus verschiedenen
Stilen, Stimmungen, Bausteinen, Farben, manchmal überdreht, manchmal
überladen, mit vielen Scheinwerfern vergrößert an die Hauswand
geworfen – und dabei einfach Laune machend. Große Oper halt.
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