Sonntag, 22. März 2015

Lady's Night

Produkt-InformationElaine Paige: Encore  

Sunset Boulevard, Piaf u.a.

Warner Music 1995

Das ist doch mal sympathisch: Da verwandelt sich eine kulturell eher semimondäne Metropole wie Bielefeld für eine Nacht zur Musical-haupstadt und wuppt auf ganz beachtliche Weise eine Premiere wie „Sunset Boulevard“, einen jener klassischen Lloyd-Webber-Schinken, die mittlerweile auch für individuelle Inszenierungen an kleineren Theatern freigegeben sind. Und es macht richtig Spaß!

Das Stück lohnt sich ohnehin. Auch wenn Sie kein Musicalfan sind, könnten Sie die Geschichte kennen: aus dem gleichnamigen Film von Billy Wilder. Die tragische Geschichte des alternden Stummfilmstars Norma Desmond, die sich in die Scheinwelt ihrer ehemaligen Größe zurückgezogen hat, von ihrem Comeback träumt – und über diesen Wahn schließlich zur Mörderin wird. Eines jener Stücke, deren Wirkung (auf Bühne wie CD) maßgeblich von der Ausstrahlung und Rollendurchdringung der Protagonistin abhängig ist. Keine Rolle, mit der eine aufstrebende Sängerin entdeckt werden könnte, sondern eine, die gerade von viel Bühnen- und Lebenserfahrung profitiert. 

So liest sich die Liste der zentralen Interpretinnen dieser Rolle auch wie ein Who-is-who des modernen Musicals: Patti Lu Pone als Norma der ersten Stunde: wie schon als Evita oder Fantine expressivst an die Grenzen gehend, vor allem die brüchigen Seiten der Figur beleuchtend. Deutlich introvertierter, schmalbrüstiger, dabei aber kaum weniger berührend Filmstar Glenn Close in ihrer wohl größten Gesangsrolle als erste US-Norma. Sehr versiert, aber auch deutlich kühler Betty Buckley, gefolgt von Ex-Downtown-Prinzessin Petula Clark. In Niedernhausen teilten sich die Rock-, Brecht- und Jazz-erfahrene Helen Schneider und die Chanson-Spezialistin Daniela Ziegler die Hauptrolle der ersten deutschen Produktion. Große Namen also durch die Bank.

Hier möchte ich nun eine Sängerin hervorheben, die in dieser Liste erst recht nicht fehlen darf: Elaine Paige. Auch wenn Sie ihren Namen nicht kennen sollten, werden Sie um ihre Stimme wohl kaum ganz herumgekommen sein, denn sie war häufig mit dabei, wenn ein neues großes Musical aus der Taufe gehoben wurde. Als erste Bühnen-Evita, erste Cats-Grizabella und erste Chess-Florence steht sie nicht nur bei unsterblichen Erst-Einspielungen ganz oben auf der Platte, sondern wurde auch in entsprechenden Single-Auskopplungen im Radio rauf und runter gespielt. Selbst wenn man in der Zwischenzeit noch andere, bessere Interpretinnen derselben Lieder gehört haben sollte, bleibt doch mit der ein oder anderen Melodie einfach der typische Paige-Sound verbunden: im Piano etwas hauchig, bisweilen mädchenhaft leicht, im Forte deutlich verhärteter und zum Teil fast unangenehm nasal. Eigentlich keine wirklich schöne Stimme. Aber was für eine Interpretin. Was für eine Power. Und genau das paßt ideal zur Sunset-Diva Norma Desmond: dieses Changieren zwischen mädchenhafter Naivität und (egomanischer) Verhärtung, bis zur Fratze. Und das auf der Basis großer Melodien.

Eine Gesamtaufnahme gibt es von dieser leider Interpretation nicht. Erfreulicherweise hat Elaine Paige dennoch die drei zentralen Songs des Musicals („With one look“, „A perfect year“ und „As if we never said goodbye“) ganz seriös im Studio aufgenommen – und macht sie mit dieser CD zugänglich. Appetizer, die deutlich Lust auf mehr machen. Ähnlich appetitanregend auch die drei gut ausgewählten Auszüge aus dem biographischen Bühnenstück „Piaf“ von Pam Gems, für alle, die sich nicht das ganze Album zu diesem Projekt zulegen wollen, Beide 3er-Päckchen zeigen Paige als eine gereifte, stimmgewaltige Charakterdarstellerin mit großem Ambitus und großer Ausstrahlung.

Die weiteren Beilagen dieser CD sind eher mit Vorsicht zu genießen. Das allseits bekannte Duett „I know him so well“ aus „Chess“ ist und bleibt wunderbar, aber wem fehlt es noch in der Sammlung? Die Live-Aufnahmen von „Don't cry for me Argentina“ und „I dreamed a dream“ (Les Miserables) von 1993, mit großem Orchester eigentlich höchst willkommen (schließlich gibt es auch von Paige als Fantine keine adäquate Aufnahme) erschrecken mit höchst verzichtbaren Um-Arrangements (wer kam auf die dumme Idee, das Vorspiel der Fantine-Ballade umzuschreiben?). Desweiteren kommt der aufmerksame Hörer noch in den Genuß von 4 Auszüge aus einer Produktion aus den 80ern, „Stages“ genannt, die, anknüpfend an ihre Erfolge in Evita und Cats, ihre ganze Breite an Bühnenmöglichkeiten demonstrieren sollten: „Memory“, „I don't know how to love him“ (Jesus Christ Superstar), „Another suitcase in another hall“ (Evita. Warum muß auch sie noch die einzige Nicht-Evita-Ballade des Stückes singen?) und „On my own“ (Les Misérables: Eponine). Was die Aufnahmen durch die Emphase der jungen Sängerin gewinnen, verspielen sie wieder durch ihren Versuch, die Bühnenfassung radiotauglich zu verpoppen. Wozu braucht Grizabella eine Hawai-Gitarre? So waren sie halt, die 80er Jahre...

So dokumentiert „Encore“ also nicht nur die darstellerische Breite einer Ausnahmekünstlerin, sondern auch das qualitative Spektrum im Umgang mit der Konservierung von Musical-Stücken auf CD, die durchaus noch Luft nach oben läßt – und das Live-Erlebnis ohnehin nie ersetzen kann. Wer Norma also mal in aller Breite genießen will, der fahre doch mal nach Bielefeld!

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