Elaine Paige: Encore
Sunset Boulevard, Piaf u.a.Warner Music 1995
Das ist doch mal sympathisch: Da
verwandelt sich eine kulturell eher semimondäne Metropole wie
Bielefeld für eine Nacht zur Musical-haupstadt und wuppt auf ganz
beachtliche Weise eine Premiere wie „Sunset Boulevard“, einen jener
klassischen Lloyd-Webber-Schinken, die mittlerweile auch für individuelle
Inszenierungen an kleineren Theatern freigegeben sind. Und es macht
richtig Spaß!
Das Stück lohnt sich ohnehin. Auch
wenn Sie kein Musicalfan sind, könnten Sie die Geschichte kennen:
aus dem gleichnamigen Film von Billy Wilder. Die tragische Geschichte
des alternden Stummfilmstars Norma Desmond, die sich in die
Scheinwelt ihrer ehemaligen Größe zurückgezogen hat, von ihrem
Comeback träumt – und über diesen Wahn schließlich zur Mörderin
wird. Eines jener Stücke, deren Wirkung (auf Bühne wie CD)
maßgeblich von der Ausstrahlung und Rollendurchdringung der
Protagonistin abhängig ist. Keine Rolle, mit der eine aufstrebende
Sängerin entdeckt werden könnte, sondern eine, die gerade von viel
Bühnen- und Lebenserfahrung profitiert.
So liest sich die Liste der zentralen
Interpretinnen dieser Rolle auch wie ein Who-is-who des modernen
Musicals: Patti Lu Pone als Norma der ersten Stunde: wie schon als
Evita oder Fantine expressivst an die Grenzen gehend, vor allem die
brüchigen Seiten der Figur beleuchtend. Deutlich introvertierter,
schmalbrüstiger, dabei aber kaum weniger berührend Filmstar Glenn Close in ihrer wohl größten Gesangsrolle als erste US-Norma. Sehr
versiert, aber auch deutlich kühler Betty Buckley, gefolgt von
Ex-Downtown-Prinzessin Petula Clark. In Niedernhausen teilten sich
die Rock-, Brecht- und Jazz-erfahrene Helen Schneider und die
Chanson-Spezialistin Daniela Ziegler die Hauptrolle der ersten
deutschen Produktion. Große Namen also durch die Bank.
Hier möchte ich nun eine Sängerin
hervorheben, die in dieser Liste erst recht nicht fehlen darf: Elaine
Paige. Auch wenn Sie ihren Namen nicht kennen sollten, werden Sie um
ihre Stimme wohl kaum ganz herumgekommen sein, denn sie war häufig
mit dabei, wenn ein neues großes Musical aus der Taufe gehoben
wurde. Als erste Bühnen-Evita, erste Cats-Grizabella und erste
Chess-Florence steht sie nicht nur bei unsterblichen
Erst-Einspielungen ganz oben auf der Platte, sondern wurde auch in
entsprechenden Single-Auskopplungen im Radio rauf und runter
gespielt. Selbst wenn man in der Zwischenzeit noch andere, bessere
Interpretinnen derselben Lieder gehört haben sollte, bleibt doch mit
der ein oder anderen Melodie einfach der typische Paige-Sound
verbunden: im Piano etwas hauchig, bisweilen mädchenhaft leicht, im
Forte deutlich verhärteter und zum Teil fast unangenehm nasal.
Eigentlich keine wirklich schöne Stimme. Aber was für eine
Interpretin. Was für eine Power. Und genau das paßt ideal zur Sunset-Diva Norma Desmond: dieses Changieren
zwischen mädchenhafter Naivität und (egomanischer) Verhärtung, bis
zur Fratze. Und das auf der Basis großer Melodien.
Eine Gesamtaufnahme gibt es von dieser
leider Interpretation nicht. Erfreulicherweise hat Elaine Paige
dennoch die drei zentralen Songs des Musicals („With one look“,
„A perfect year“ und „As if we never said goodbye“) ganz
seriös im Studio aufgenommen – und macht sie mit dieser CD
zugänglich. Appetizer, die deutlich Lust auf mehr machen. Ähnlich
appetitanregend auch die drei gut ausgewählten Auszüge aus dem
biographischen Bühnenstück „Piaf“ von Pam Gems, für alle, die
sich nicht das ganze Album zu diesem Projekt zulegen wollen, Beide
3er-Päckchen zeigen Paige als eine gereifte, stimmgewaltige
Charakterdarstellerin mit großem Ambitus und großer Ausstrahlung.
Die weiteren Beilagen dieser CD sind
eher mit Vorsicht zu genießen. Das allseits bekannte Duett „I know
him so well“ aus „Chess“ ist und bleibt wunderbar, aber wem
fehlt es noch in der Sammlung? Die Live-Aufnahmen von „Don't cry
for me Argentina“ und „I dreamed a dream“ (Les Miserables) von
1993, mit großem Orchester eigentlich höchst willkommen
(schließlich gibt es auch von Paige als Fantine keine adäquate
Aufnahme) erschrecken mit höchst verzichtbaren Um-Arrangements (wer
kam auf die dumme Idee, das Vorspiel der Fantine-Ballade
umzuschreiben?). Desweiteren kommt der aufmerksame Hörer noch in den
Genuß von 4 Auszüge aus einer Produktion aus den 80ern, „Stages“
genannt, die, anknüpfend an ihre Erfolge in Evita und Cats, ihre
ganze Breite an Bühnenmöglichkeiten demonstrieren sollten:
„Memory“, „I don't know how to love him“ (Jesus Christ
Superstar), „Another suitcase in another hall“ (Evita. Warum muß
auch sie noch die einzige Nicht-Evita-Ballade des Stückes singen?)
und „On my own“ (Les Misérables: Eponine). Was die Aufnahmen
durch die Emphase der jungen Sängerin gewinnen, verspielen sie
wieder durch ihren Versuch, die Bühnenfassung radiotauglich zu
verpoppen. Wozu braucht Grizabella eine Hawai-Gitarre? So waren sie halt, die 80er Jahre...
So dokumentiert „Encore“ also nicht
nur die darstellerische Breite einer Ausnahmekünstlerin, sondern
auch das qualitative Spektrum im Umgang mit der Konservierung von
Musical-Stücken auf CD, die durchaus noch Luft nach oben läßt –
und das Live-Erlebnis ohnehin nie ersetzen kann. Wer Norma also mal
in aller Breite genießen will, der fahre doch mal nach Bielefeld!
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