Sonntag, 8. März 2015

Familientreffen

Produkt-Information Alexa Feser: Gold von Morgen


Warner Music, 2014

Liebe Alexa. 

Ersteinmal: schön,daß ich Dich kennenlernen durfte. Allein dafür hat sich der Fernsehabend mit der Vorentscheidung für den Eurovision Song Contest schon gelohnt: Mit der Gruppe Laing, dem Souler Andreas Kümmert und Dir haben sich für mich drei neue Kapitel interessanter Künstler aus Deutschland geöffnet. In Deinem Fall habe ich sogar mein Kaufverhalten geändert: normalerweise kann ich eine halbe Ewigkeit warten, bis eine CD mir second-händig zufliegt. Diesmal habe ich sogar größeren logistischen Aufwand auf mich genommen, um Deine Songs ohne Verzögerung in den Discman zu bekommen. Sowas finde ich gut: eine längere Zugfahrt mit neuer Musik auf den Ohren. Und: ich habe den Schnellkauf keinesfalls bereut.

Während ich selbst in der Bahn sitze, fällt mir ein, daß Du ja nun doch nicht nach Wien reisen wirst. Bedauerst Du das? Ich glaube, letztlich ist das vielleicht ganz gut so. Ich bin nicht sicher, ob Du wirklich in die große, glitzernde Eurovisionsfamilie hineingepaßt hättest, ob sie Dich da als eine der ihren aufgenommen hätten. Du machst ja Musik eher für Innen als für Außen, so kommt es mir vor, und in dem Trubel der größten Musikshow der Welt kann die ein oder andere Kostbarkeit dann doch untergehen. Vor allem Deine feine, eigene Art, mit der deutschen Sprache umzugehen, voller Zwischentöne, voller Durchblicke auf tiefere Ebenen: Das erschließt sich nicht jedem, erst recht nicht auf dem internationalen Parkett. „Das Gold von morgen“ ist keine durchdesignte, mit perfektem Timing in den Europäischen Musikhimmel abgeschossene Goldregen-Rakete, sondern etwas, für das man graben – oder zumindest aufmerken – muß. „Ich liebe das Suchen mehr als das Finden“ singst Du, tastest nach eigenen Antworten, verstehst Dich als immer unterwegs – und vermeidest damit auch, mit klar definierten (künstlerischen) Aussagen festgelegt und vermarktet zu werden.

Am meisten freue mich darüber, daß Du endlich mal wieder eine Sängerin bist, die alle ihre Songs selbst dichtet, komponiert und auf dem Flügel live begleitet: man nimmt Dir von der ersten Sekunde an ab, was Du singst. Und witzig ist, welche Assoziationen Du bei mir weckst, wie viel deutsche Popgeschichte in mir mitläuft, wenn ich Deinen Liedern lausche. Wenn Du über Liebe singst, wirst Du mädchenhafter, hauchst und säuselst manchmal wie Nena. Bei temperamentvolleren Ansagen wird Deine Stimme rauher, schneidiger: mittlerweile habe ich rausbekommen, daß sie mich dabei stark an Carolin Fortenbacher erinnert. Die Art, „Ich bleibe“ im gleichnamigen Lied ein bißchen wie „bloibö“ auszusprechen: kenne ich die von Ina Deter, oder von Cora („Amsterdam“)? Und dann die Balladen, allen voran mein Lieblingssong „Gold von morgen“: der könnte eins zu eins von Grönemeyer sein, in Harmonik und Satzweise am Klavier, aber auch in Deiner Art, die Worte zu rhytmisieren, die Vokale zu dehnen, die Stimme von unten anzuschleifen...

Bitte versteh mich nicht falsch: das meine ich nicht als Kritik! Vielmehr habe ich mich in Deiner Musik ab dem ersten Ton zu Hause gefühlt. Es geht mir wie auf einem Familientreffen: Es ist interessant, manchmal amüsant, manchmal geradezu rührend zu beobachten, wie doch alle irgendwie zusammengehören, mit welchen Prägungen die verschiedenen Generationen aufgewachsen sind, von welchen Vorbildern oder auch Angewohnheiten man sich noch nicht lösen kann oder will, aber auch an welchen Stellen man ganz eigene Wege zu gehen bereit und entschlossen und befähigt ist. Daß da bei Dir Assoziationen in Richtung Liedermachern, Soul, Deutschrock und -pop, aber auch Schlager auftauchen, ist für mich kein Zeichen von Untentschlossenheit oder Beliebigkeit, sondern einer natürlichen Auflösung der Grenzen zwischen den Gattungen zu verdanken. Davon kann man nur profitieren, finde ich. Und außerdem macht Dich das sehr sympathisch.

Die Refrainzeile „Immer dann, immer dann, immer dann wenn es vor Dir stand, hast Du es nicht erkannt“, aus Deinem ersten Eurovisions-Vorschlag „Glück“ begleitet mich als Ohrwurm schon seit 3 Tagen. Inhaltlich hätte es tatsächlich gut neben „Wunder gibt es immer wieder gepaßt“ („wenn sie Dir begegnen, mußt Du sie auch sehen“), mit dem die junge Katja Ebstein im Grand Prix 1970 einen guten dritten Platz ersang. Ein solches Glück wollen wir nun (der angesichts der von Buh-Rufen begleiteten Mandatsablehnung des auf Platz 1 gewählten Andreas doch ziemlich be-kümmert dreinblickenden) Ann Marie wünschen. Und Dich hoffe ich vielleicht mal auf einer kleinen Berliner Live-Bühne wiedersehen zu dürfen. „Wir sind hier“: das ist Dein einfaches, aber enorm entlastendes Statement angesichts aller Vergeb- und Vergänglichkeiten in der heutigen Zeit. Und an anderer Stelle: „hab' keine Idee“, aber „Ich bleibe“.

Das hoffe ich!
Auf bald!

2 Kommentare:

  1. Das nenne ich mal eine CD-Rezension! Die persönliche Ansprache geht ja geradezu in direkten Austausch mit den Liedern, so erscheint es mir. Normalerweise finde ich Musikrezensionen stinklangweilig, da wird so furchtbar viel gefachsimpelt. Aber hier habe ich das erste Mal das Gefühl: Die muss ich mir auch mal anhören.. :-)

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