Alexa Feser: Gold von Morgen
Warner Music, 2014
Liebe Alexa.
Ersteinmal: schön,daß
ich Dich kennenlernen durfte. Allein dafür hat sich der Fernsehabend
mit der Vorentscheidung für den Eurovision Song Contest schon
gelohnt: Mit der Gruppe Laing, dem Souler Andreas Kümmert und Dir
haben sich für mich drei neue Kapitel interessanter Künstler aus
Deutschland geöffnet. In Deinem Fall habe ich sogar mein
Kaufverhalten geändert: normalerweise kann ich eine halbe Ewigkeit
warten, bis eine CD mir second-händig zufliegt. Diesmal habe ich
sogar größeren logistischen Aufwand auf mich genommen, um Deine
Songs ohne Verzögerung in den Discman zu bekommen. Sowas finde ich
gut: eine längere Zugfahrt mit neuer Musik auf den Ohren. Und: ich habe den
Schnellkauf keinesfalls bereut.
Während ich selbst in der Bahn sitze, fällt
mir ein, daß Du ja nun doch nicht nach Wien reisen wirst. Bedauerst Du
das? Ich glaube, letztlich ist das vielleicht ganz gut so. Ich bin nicht sicher, ob
Du wirklich in die große, glitzernde Eurovisionsfamilie hineingepaßt
hättest, ob sie Dich da als eine der ihren aufgenommen hätten. Du
machst ja Musik eher für Innen als für Außen, so kommt es mir vor,
und in dem Trubel der größten Musikshow der Welt kann die ein oder
andere Kostbarkeit dann doch untergehen. Vor allem Deine feine,
eigene Art, mit der deutschen Sprache umzugehen, voller Zwischentöne,
voller Durchblicke auf tiefere Ebenen: Das erschließt sich nicht
jedem, erst recht nicht auf dem internationalen Parkett. „Das Gold
von morgen“ ist keine durchdesignte, mit perfektem Timing in den
Europäischen Musikhimmel abgeschossene Goldregen-Rakete, sondern
etwas, für das man graben – oder zumindest aufmerken – muß.
„Ich liebe das Suchen mehr als das Finden“ singst Du, tastest
nach eigenen Antworten, verstehst Dich als immer unterwegs – und vermeidest damit auch, mit klar
definierten (künstlerischen) Aussagen festgelegt und vermarktet zu
werden.
Am meisten freue mich darüber, daß Du
endlich mal wieder eine Sängerin bist, die alle ihre Songs selbst
dichtet, komponiert und auf dem Flügel live begleitet: man nimmt Dir
von der ersten Sekunde an ab, was Du singst. Und witzig ist, welche
Assoziationen Du bei mir weckst, wie viel deutsche Popgeschichte in
mir mitläuft, wenn ich Deinen Liedern lausche. Wenn Du über Liebe
singst, wirst Du mädchenhafter, hauchst und säuselst manchmal
wie Nena. Bei temperamentvolleren Ansagen wird Deine Stimme rauher,
schneidiger: mittlerweile habe ich rausbekommen, daß sie mich dabei
stark an Carolin Fortenbacher erinnert. Die Art, „Ich bleibe“ im
gleichnamigen Lied ein bißchen wie „bloibö“ auszusprechen: kenne
ich die von Ina Deter, oder von Cora („Amsterdam“)? Und dann die
Balladen, allen voran mein Lieblingssong „Gold von morgen“: der
könnte eins zu eins von Grönemeyer sein, in Harmonik und Satzweise
am Klavier, aber auch in Deiner Art, die Worte zu rhytmisieren, die
Vokale zu dehnen, die Stimme von unten anzuschleifen...
Bitte versteh mich nicht falsch: das
meine ich nicht als Kritik! Vielmehr habe ich mich in Deiner Musik ab
dem ersten Ton zu Hause gefühlt. Es geht mir wie auf einem
Familientreffen: Es ist interessant, manchmal amüsant, manchmal
geradezu rührend zu beobachten, wie doch alle irgendwie
zusammengehören, mit welchen Prägungen die verschiedenen
Generationen aufgewachsen sind, von welchen Vorbildern oder auch
Angewohnheiten man sich noch nicht lösen kann oder will, aber auch an welchen
Stellen man ganz eigene Wege zu gehen bereit und entschlossen und
befähigt ist. Daß da bei Dir Assoziationen in Richtung
Liedermachern, Soul, Deutschrock und -pop, aber auch Schlager
auftauchen, ist für mich kein Zeichen von Untentschlossenheit oder
Beliebigkeit, sondern einer natürlichen Auflösung der Grenzen
zwischen den Gattungen zu verdanken. Davon kann man nur profitieren, finde ich.
Und außerdem macht Dich das sehr sympathisch.
Die Refrainzeile „Immer dann, immer
dann, immer dann wenn es vor Dir stand, hast Du es nicht erkannt“,
aus Deinem ersten Eurovisions-Vorschlag „Glück“ begleitet mich
als Ohrwurm schon seit 3 Tagen. Inhaltlich hätte es tatsächlich gut
neben „Wunder gibt es immer wieder gepaßt“ („wenn sie Dir
begegnen, mußt Du sie auch sehen“), mit dem die junge Katja Ebstein
im Grand Prix 1970 einen guten dritten Platz ersang. Ein solches
Glück wollen wir nun (der angesichts der von Buh-Rufen begleiteten
Mandatsablehnung des auf Platz 1 gewählten Andreas doch
ziemlich be-kümmert dreinblickenden) Ann Marie wünschen. Und Dich
hoffe ich vielleicht mal auf einer kleinen Berliner Live-Bühne
wiedersehen zu dürfen. „Wir sind hier“: das ist Dein einfaches,
aber enorm entlastendes Statement angesichts aller Vergeb- und Vergänglichkeiten in der heutigen Zeit. Und an anderer Stelle: „hab'
keine Idee“, aber „Ich bleibe“.
Das hoffe ich!
Auf bald!
Das nenne ich mal eine CD-Rezension! Die persönliche Ansprache geht ja geradezu in direkten Austausch mit den Liedern, so erscheint es mir. Normalerweise finde ich Musikrezensionen stinklangweilig, da wird so furchtbar viel gefachsimpelt. Aber hier habe ich das erste Mal das Gefühl: Die muss ich mir auch mal anhören.. :-)
AntwortenLöschenGruß von DianeASH alias "Anonym"
Löschen